Montag, 22. Mai 2017

Die gute Schule.

Sachkunde-Unterricht.

Eingangs frage ich die Klasse: "Was heißt gute Schule für euch?" Die Kinder sollen sich Gedanken machen. "Redet offen darüber, tauscht euch aus. Was ist euch wichtig? Wie stellt ihr euch eine gute Schule vor?" Es nützt ja nichts, wenn man sich als Lehrer alleine zu Hause dazu Gedanken macht. Meiner Meinung nach geben die Kinder dazu fruchtbare Hinweise. "Fragen?" Manni* meldet sich: "Wie jetzt? Wir sollen uns eine Schule vorstellen, so wie wir sie gut finden?" "Disco, Manni. Korrekt eingekreist. Genau das sollt ihr machen. Ab dem Signal habt ihr 10 Minuten Zeit dafür." Meine Klangschale ertönt und emsiges Parlieren erfüllt den Raum. So muss das sein. Alle beteiligen sich. Ein Traum. Während die Kinder eifrig diskutieren, schreibe ich als Überschrift an die Tafel: "Die gute Schule." Anschließend wird darüber gesprochen. Offen. Im Klassenverband. "Was heißt gute Schule für euch?" Alle Hände oben.
"Kevin-Prince*, fang du doch einfach mal an." "Also, für mich ist Schule gut, wenn wir montags über unser Wochenende sprechen. Das ist gut. Das muss dabei sein. In einer guten Schule spielen auch alle miteinander in den Pausen. Und, ganz wichtig: In einer guten Schule sprechen wir auch über Themen, die wir uns aussuchen." Ich bin sichtlich begeistert. "Kevin-Prince, hast du da etwas genaues im Sinn, worüber du sprechen möchtest?" "Ja, wir können doch mal eine Stunde über gefährliche Meerestiere sprechen." Mega. "Super, Kevin, haben die anderen auch solche Ideen, die die Schule gut machen?" Alle Hände oben. Der Reihe nach sprechen alle über ihre Ideen: Manni möchte unbedingt, dass wir mal über Mumien reden. Amelie* mag gerne mal Pferde behandeln, andere wünschen sich Baderegeln, Schleich, die Geschichte des Automobils, Dinosaurier, Lego Nexo Knights, den Hecht oder den Komodowaran als Unterrichtsgegenstand. Ich schreibe fleißig an die Tafel und innerlich klappt mir die Kinnlade herunter. Nachdem die Tafel voll ist mit Ideen, Wünschen und Vorschlägen, eröffne ich den Kindern meinen Plan: "Liebe 2b, wenn das Glück in diesem Moment an nur einem Ort dieser Welt sein kann, dann ist es hier in diesem Raum." Alle lachen. Ich meine das aber durchaus ernst. "Was haltet ihr davon, wenn ihr euch eines dieser Themen aussucht, ein schönes Plakat gestaltet und uns über euer Wunschthema berichtet? Wäre das in eurem Sinne eine Form der ´guten Schule´?" "JAAAAAAAAAAAAAAAA, Herr Klafki! Bitttteeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeee!"

Gesagt, getan. Ich gebe jedem Kind vier Wochen Zeit, um einen Vortrag zum selbst ausgesuchten Thema vorzubereiten. "Dann seid ihr die Experten und nicht etwa ich." Mittlerweile waren alle Kinder an der Reihe. Es sind zahlreiche tolle Plakate entstanden, die nun unser Klassenzimmer und das Schulgebäude zieren. Alles selbst ausgesucht, vorbereitet, durch- und ausgeführt. Besser kann das nicht sein. Max* ist jetzt Experte in Sachen Mozart. Er hat völlig frei über den Salzburger Komponisten gesprochen, vor einer gespannt zuhörenden Klasse. Chantalle* hat über Kühe referiert. "Eine Kuh macht Muh, viele Kühe machen Mühe." Recht hat sie. Wolfi* hat über gefährliche Schlangen gesprochen und gleich noch eine Schlangenhaut für alle mitgebracht. Zum Anfassen. Der Hammer. Und das sind nur wenige Beispiele. Dabei lief das immer nach dem gleichen Schema ab: Zunächst führte der Vortragende in die Thematik ein, um anschließend alle Kinder einzuladen, sich das Plakat anzusehen und Fragen zu stellen. Dabei zeigte sich ein um das andere Mal, wie fit die jeweiligen Kinder in ihrem Thema waren. Eben richtige Experten.

Bemerkenswert war zu beobachten, dass alle dem Referierenden den nötigen Respekt zollten, weil sie wussten, wie schwer das ist, alleine vor der Klasse zu stehen und zu reden. Es haben aber alle fabelhaft gemeistert. Einerseits, weil sie über Themen redeten, die sie sich selbst ausgesucht haben und andererseits, weil sie sich so selbst eine Form der ´guten Schule´ gestaltet haben. 

Das wird fortgeführt. Ist doch klar. Lobeskarte für ALLE. Auch das ist klar. Gern geschehen. Ich habe zu danken. Und über das Wochenende sprechen wir montags natürlich weiterhin. Gebongt. 

*Namen geändert.



 
 

Dienstag, 21. März 2017

"Lernen ist ein eigenaktiver Vorgang."

"Lernen ist ein eigenaktiver Vorgang." Ich liebe diesen Satz.

Mathematik-Unterricht. Unser Tagesplan sieht vor, dass wir eine bestimmte Buchseite mit vier Aufgaben schaffen. Puh. Das ist viel. Aber schaffbar. Zu Beginn der Stunde lasse ich die Kids erst einmal schön die Schultern kreisen. Dazu werden die Hände gelockert. Das ist bei uns ein Ritual und bedeutet: "Heute brauchen wir Konzentration, Ausdauer und vor allen Dingen: die Schreibhefte." Das läuft. Ich kreise und lockere mich selbstverständlich mit. Nachdem anschließend alle die korrekte Buchseite offen vor sich liegen haben, darf ein Freiwilliger Aufgabe Eins vorlesen. "Bjarne*, los geht´s!" "Welcher Wochentag war gestern? Welcher Tag ist morgen?" "Prima Bjarne, dankeschön. Jetzt sprecht mit euren Banknachbarn über die Aufgabe. Wer weiß, wie die Lösung lautet, meldet sich." Emsiges diskutieren. Ich lausche. Ein Traum. Max* erklärt Manni*, dass heute Mittwoch sei und demzufolge morgen Donnerstag ist. Nur leider ist heute Dienstag und nicht Mittwoch. Da Manni aber ein Fuchs ist, holt er sein Hausaufgabenheft hervor. "Warte, ich schau mal im Hausaufgabenheft nach. Da stehen doch die Wochentage drin. Gestern gab es Sterne, heute noch nicht. Der erste Tag, wo noch nichts steht, ist heute. Und morgen der Tag danach. Und gestern war der Tag, wo Herr Klafki uns schon Sterne gegeben hat!" Was für eine Problemlösungsstrategie. Das kann man so machen. "Hier, schau, gestern war Montag, da gab es schon Sterne, heute ist Dienstag. Da steht noch nichts. Und morgen ist dann Mittwoch. Kapiert?" Max schaut Manni mit großen Augen an. Das ging ihm wohl etwas zu schnell. "Das stimmt! Los, melde dich mit!" Und tatsächlich, beide Jungs melden sich. Und sie haben natürlich recht. Manni hat recht. Aber Max ist auch stolz. Womöglich, weil er augenscheinlich im richtigen Team war. Ich lobe beide Schüler und zwinker Manni anschließend zu. "Du, Manni, bitte erkläre Max deine tolle Idee bitte noch einmal ganz entspannt." Max grinst. Und er versteht es. Das Prinzip hatte er ja längst drauf. "Wunderbar, wir fassen also zusammen. Wer mag an die Tafel?" Alle Hände oben. "Chantal*, komm du doch bitte nach vorne und bringe die Ergebnisse sauber an die Tafel." Fein säuberlich fasst sie Buchseite und Aufgabe, sowie die geforderten Inhalte in einer Tabelle zusammen. "Wer das nicht hat, schreibt das bitte sauber ab. Jetzt." So holt man auch wirklich alle ab. Die Basis stimmt. Aufgabe Eins haben alle nach kurzer Zeit richtig im Heft. "Gleich ertönt meine Klangschale. Ab dem Signal habt ihr 20 Minuten Zeit die Aufgaben Zwei bis Vier alleine zu bearbeiten." Nach einem kurzen Raunen ertönt der Gong und alle arbeiten. Fast alle.

Anton meldet sich. "Du, Herr Klafki, wie geht Aufgabe Zwei? Ich weiß nicht was man da machen soll!" "Lernen ist ein eigenaktiver Prozess, lieber Anton*. Es nützt dir gar nichts, wenn ich dir die Aufgabe förmlich vorkaue. Ich weiß, dass du das kannst. Zeig es mir!" Anton geht kurz in sich und überlegt. "Hm, geht die Aufgabe vielleicht so ähnlich wie die Erste?" "Disco, Anton, das hast du wunderbar selbst erkannt. Jetzt ist die Lösung der Aufgaben ein Kinderspiel für dich." Anton lächelt. Und tatsächlich. Er löst sämtliche Aufgaben in der Folge fehlerfrei. Das wird belohnt, da gebe ich alles - Hausaufgabenheft raus - ein Stern für´s eigenaktive Lernen.

Kinder, die schnell fertig sind, übernehmen Lernpatenschaften und helfen denjenigen, die länger und vor allen Dingen Hilfe brauchen. Das stärkt die Sozialkompetenz. Ganz nebenbei. Differenzierung nennen die Didaktiker wohl das Gesamtkonstrukt. Ich sage viel lieber: "Lernen ist ein eigenaktiver Vorgang."

*Namen geändert  

Mittwoch, 15. März 2017

Das Schnipseldiktat.

In meiner Klasse steht bald das nächste Diktat an. Igitt. Diktate. Das mögen viele Kinder nicht. Und man kann es ihnen auch schwerlich verübeln. Um das Lernen für das Diktat möglichst spannend und abwechslungsreich zu gestalten, habe ich den Kids zunächst einen kleinen Text von acht Sätzen mit unseren Lernwörtern zum Abschreiben gegeben. Das kann jeder. Nach bestem Wissen und Gewissen. Schnell ist Level zwei erreicht: "Was können wir jetzt machen, Herr Klafki?" Ich liebe das. "Passt auf, jetzt nehmt ihr euch ein weißes Blatt Papier und schneidet es in acht etwa gleich große Schnipsel." Erstaunte Kinderaugen wohin man blickt. "Du hast doch gesagt, dass wir heute ganz viel für das Diktat üben!" Das stimmt. Wenn die wüssten. "Abwarten, lieber Manni*, eins nach dem anderen. Bei Super Mario Maker kommt der Endgegner ja auch nicht schon nach dem ersten Level, oder?" "Nee! Erst viel später!" "Siehst du, Manni, Level eins hast du geschafft. Jetzt kommt Level zwei. Das Schneiden." Ruhe im Schiff. Alle schneiden ruhig und konzentriert. "Level drei ist leicht. Nummeriert die Schnipsel von 1 bis 8." Zack, fertig. "Und jetzt?" "Jetzt schreibt ihr jeden einzelnen Satz von vorhin auf je einen Schnipsel." Auch das funktioniert bestens, weil die Kids so kleinschrittig arbeiten und schnell sichtbare Erfolge erzielen. Jeder will die Schnipsel vollschreiben. Und jeder will Erster sein. "Alle fertig?" "Jaaaaaaaa!" "Super, und jetzt kommt quasi Bowser, Manni. Der Endgegner. Ohren gespitzt und zugehört. Öffnet nun eure Schreibhefte. Legt euch einen Stift parat. Und jetzt konzentriert euch ganz auf eure Schnipsel. Prägt sie euch ein! Wenn ihr meint, dass ihr den Inhalt eines Schnipsels auswendig könnt, dann dreht den Schnipsel um und schreibt den Inhalt sauber in euer Heft! Das macht ihr mit allen acht Schnipseln. Und zwar: jetzt." Die Köpfe rauchen. Unbewusst festigen sie so auch schwere Wörter wie Frühling, Sommeranfang, Jahreszeiten und andere. Und alle ziehen mit. Als sie Bowser bezwungen und alle Sätze auswendig ins Heft geschrieben haben, dürfen sie nun ihre Ergebnisse selbst korrigieren. Mit meinem grünen Korrekturstift. Ausnahmsweise. Und zur Belohnung geht es anschließend noch eine halbe Stunde an die frische Luft. Für das Diktat haben heute schließlich alle genug gelernt.

*Name geändert

Dienstag, 10. Januar 2017

Methoden und Rituale. Oder: Einfach mal über den Schulhof fetzen.

Kinder brauchen Rituale. Sie geben Halt, Sicherheit und stärken das Wir-Gefühl. Das ist klasse, da machen wir mit.

Eines meiner ersten Rituale, die ich eingeführt habe, war der Klassenhut. Darüber habe ich bereits berichtet. Mittlerweile wurde er jedoch von der Eule Ursula abgelöst, einer Handpuppe. Die finden die Kids cooler und gaaaanz flauschig. Ok. Überzeugt. Und da sind wir schon beim zweiten Ritual. Der Abstimmung. Bei mir wird grundsätzlich abgestimmt. "Wir müssen mehr Demokratie wagen." Den Satz bringe ich immer wieder. Vorgetragen mit der Konnotation eines Willy Brandts. Den kennt zwar keiner der Knirpse, gelacht wird aber dennoch. "Herr Klafki, das klingt schräg, wie du das sagst:" Okay. Nehm ich so hin. Mittlerweile können einige Demokratie bereits definieren. In der 2. Klasse. "Demos ist das Volk und kratein heißt herrschen. Das Volk herrscht, Herr Klafki. Also wir." Das haben sie sich gemerkt. Wunderbar. Das gibt einen Stern extra ins Hausaufgabenheft. Prima. Weiter so. Das bringt mich auf das nächste Ritual: die Belohnungen. Mit Belohnungen werfe ich nicht um mich. Die muss man sich verdienen. Bei uns ist das ein drei-Sterne-System, welches jeden Tag zur Anwendung kommt. Morgens wird ein Tagesziel definiert (oder mehrere). Schafft man es vollends, gibt es drei Sterne ins Hausaufgabenheft. Wird das Pensum nicht ganz erledigt, gibt es noch zwei. Hat sich das Kind wenigstens bemüht, so kann es immerhin mit einem Stern rechnen. Das läuft wie ein Länderspiel. Zusätzlich verteile ich besondere Lobeskarten. Für herausragende Leistungen. Schafft es ein Kind der ersten Klasse beispielsweise als einziger von knapp 40 Schülern über den Bock, dann ist mir das so eine Karte wert. Trophäenjäger sind sie alle. Und das kann man sich mit solchen Methoden zu Nutze machen. Klassenhut, Eule Ursula, Mehrheitsentscheidungen, Belohnungen. Check. Noch mehr Rituale? Aber selbstverständlich! Das Läuten meiner Klangschale beispielsweise. Es dient dazu, Arbeits- und Pausenphasen auditiv zu signalisieren. Kann ich nur empfehlen. Oder der Stuhl. Stelle ich still meinen Stuhl in die Mitte des Zimmers, wissen alle bescheid: Jetzt wird gelesen. Fibeln auf, los geht´s. Das läuft mittlerweile nahezu geräuschlos.
Es gibt aber auch Rituale, die ich einfach nicht gut finde und deswegen auch nicht von meiner Klasse abverlange. Händchenhaltend, in Zweierreihe, über den Schulhof gehen ist so eines. Ich lasse die Kids über den Schulhof fetzen. Wie man sich im Straßenverkehr verhält, lernt man gesondert und auch mit dem nötigen Ernst. Aber auf dem Schulhof? Tz. Und wenn ich mir die lachenden Gesichter der rennenden Kinder anschaue, so ist das auch eine ganz besondere Form des Wir-Gefühls. Wie ich finde, eine symphatische. Es hat halt jeder so seine Rituale und Methoden. 

Dienstag, 22. November 2016

Essen mit Liebe.

Das Schulessen ist ein Kapitel für sich. Günstig sollte es sein, lecker und gesund sowieso. Das ist der Plan. Die Wirklichkeit sieht dann aber doch oft anders aus...

Mir fiel in der letzten Zeit auf, dass Manni* sein Mittagessen oft verweigert oder nur sehr spärlich isst. Auch heute wieder. Er hat sich nur ein paar wenige Kartoffeln geben lassen und stocherte etwas mit seiner Gabel an ihnen herum. Ich setze mich neben ihn und frage: "Manni, sag mal, das Essen ist nicht gerade eine Wucht heute, oder?" "Herr Klafki, das kannst du laut sagen!" Wir grinsen. "Aber sag mal, so ganz schlecht ist es doch nun auch wieder nicht, oder was meinst du?" Manni blickt mir tief in die Augen. "Herr Klafki, soll ich dir mal etwas sagen? Es fehlt etwas. Die entscheidende Zutat." Ich bin gespannt. "Verrätst du mir, welche Zutat fehlt?" "Na ganz einfach, Herr Klafki, LIEBE. In dem Essen hier fehlt die Liebe. Meine Mama kocht immer mit Liebe. Meine Oma auch. Und da ist es immer lecker. Ohne Liebe schmeckt das einfach nicht."
Da kannst du nichts mehr hinzufügen. Ich fühle mit ihm. Wir vereinbaren, dass er die Kartoffeln nicht essen muss, sich dafür aber an der Obsttheke bedient. "Das Obst da ist frisch und lecker. Und liebevoll abgewaschen ist es auch. Da ist also richtig Liebe drin!" Manni lacht mich an, nimmt sich einen Apfel und saust auf den Pausenhof.

*Name geändert 

Freitag, 11. November 2016

Warum lachen Erwachsene weniger als Kinder?

Kinder lachen am Tag durchschnittlich 400 mal. Erwachsene im Schnitt nur 15 mal. Das ist erstaunlich. Furchtbar. Und ich mache da nicht mit. Das bekomme ich, unter den gegebenen Umständen, zu meinem Glück auch gar nicht hin.

Deutschunterricht. Die Kinder sind in der Stillarbeit vertieft. Thema: saubere Heftführung. Die Klasse ist ruhig und arbeitet. Beim Durchgehen fällt mir auf, dass Manni* gar nicht an der Schreibaufgabe arbeitet sondern akribisch ein Bild malt. Aha. "Manni, sag mal, was machst du denn da?" Schweigen. Null Reaktion. Ich setze mich neben ihn und frage erneut nach: "Manni, jetzt mal im Ernst, was machst du da?" Manni dreht sich zu mir, schaut mir tief in die Augen und antwortet: "Herr Klafki, psssssst, du störst mich." Ich habe wirklich Schwierigkeiten damit, nicht laut zu lachen. "Wobei störe ich dich denn?" "Na ganz einfach, Herr Klafki, du störst mich beim Unterricht. Ich bin vertieft in der Arbeitsphase." Da hast du keine Worte mehr. "Manni, deine Schlagfertigkeit belohne ich selbstverständlich mit einem Extrastern im Hausaufgabenheft, ich möchte dich jedoch darauf hinweisen, dass der tatsächliche Arbeitsauftrag ein anderer war. Weißt du noch, welcher?" Manni schlägt seine Hände vors Gesicht und entgegnet merklich leidend: "Ja, wir sollen den sauberen Hefteintrag üben, Herr Klafki." "Richtig, Manni, schön, dass du das noch weißt." In der Folge vereinbaren wir, dass er an seinem Kunstwerk weiterarbeiten kann, wenn er die Schreibaufgabe erledigt hat. Er ist widerwillig einverstanden und legt los. Dieses Mal mit der richtigen Aufgabe.

In der anschließenden Pause kommt Tamme* zu mir an den Lehrertisch. Er stellt sich still neben mich. "Tamme, was ist faul im Staate Dänemark?" Tamme lacht. Er antwortet: "Weißt du, weil du manchmal so komische Sachen sagst, schreibe ich Tagebuch darüber. Zuhause lese ich das dann immer meinen Eltern vor und die lachen sich jedes Mal scheckig!" "Na das ist ja wunderbar, Tamme. Herzlichen Glückwunsch! Was schreibst du denn da so alles auf?" "Na eben so etwas wie gerade eben. Letztens hast du doch in Mathe angefangen zu rappen. Das habe ich mitgeschrieben." Eieiei. Beim Erklären einer Aufgabe reagierte Sandy* kopfschüttelnd mit: "Wie jetzt?" Ich fuhr fort mit den Worten von Samy Deluxe: "...ihr Typen wollt rappen wie ich, deluxe mäßig flows und styles kicken wie ich? Ich sage wie jetzt, von euch Typen will jeder mitspielen, MCn und DJn nur leider geht da nicht viel!" Ich habe mehrere Minuten gebraucht, um die Klasse wieder zu beruhigen. Am Ende der Stunde hat aber jeder die Aufgabe verstanden. Und darum geht es ja. Nicht darum, das bierernst zu machen.

Was das Lachen angeht, versuche ich mit meinen Schülern mitzuhalten. Das ist eigentlich nicht schwer. Und deswegen mache ich das auch einfach. Es gibt schließlich durchschnittlich 400 Gründe am Tag, um zu Lachen. Und dafür bin ich einfach nur dankbar.

*Namen geändert


Montag, 5. September 2016

Der 1. Schultag

Montag, 7:30 Uhr. Der 1. Schultag nach den langen Sommerferien steht an. Es kribbelt. Es ist ein positives Kribbeln. Das ist gut. Das ist gesund. So muss das sein. Ich öffne die Eingangstür und erblicke die ersten, freudestrahlenden Kinderaugen.: "Herr KLAFKIIIIIIII!!!!!" Und ehe man sich versieht, hat man 10 Kinder an den Beinen kleben. Keiner achtet beim ´Begrüßungs-Umarmen-Knuddeln-und-Drücken´ auf meine neuen Schuhe. Das hätte ich vorher wissen sollen. Memo an mich: Am 1. Schultag keine neuen Sachen mehr anziehen. Das lohnt nicht. Die gehen kaputt. Egal. Alles, was zählt, ist die Mission.Weiter geht´s. Ich kämpfe mich bis in´s Klassenzimmer durch. Etappenziel erreicht. "Freie Platzwahl - auf Probe." Das kommt immer gut. Damit macht man sich Freunde. Alle sind aufgeregt und wollen erzählen, was sie in den Ferien alles erlebt haben. Ein Traum. Meine Klangschale ertönt. Alle wissen noch: "Wenn die Klangschale erklingt, heißt es: zur Ruhe kommen und nach vorne schauen." Das Langzeitgedächtnis funktioniert noch. Ausgezeichnet. "Wer möchte uns von seinen schönsten Ferienerlebnissen berichten?" Alle Hände oben. "Wolfi*, du darfst beginnen." "Ich habe gaaaaaaaanz viel Pokemon go gespielt." Ich wusste es. Fabrice* interveniert sofort: "Wolfi, das kann gefährlich werden! Ich habe von Menschen gehört, die sind beim Pokemon suchen von einer Klippe gesprungen und sind tot." Stille. Da weiß man gleich, welche Strategien manche Eltern fahren, um ihre Kinder davon abzuhalten. "Wolfi, dir geht´s aber gut, oder?" Er schaut mich erstaunt an und entgegnet trocken: "Ja, ich laufe nicht viel und nicht gern. Das weißt du doch." Alle lachen. "Und was hast du sonst noch gemacht  in den Ferien?" "Äm, ich habe Nudeln gegessen." Aha. Na da. Nachdem alle etwas von ihren Erlebnissen erzählt haben, eröffne ich den Kindern, dass wir in diesem Schuljahr das erste Mal einen Klassensprecher und einen Stellvertreter wählen. Alle jubeln. Ich erörtere zunächst, was die Aufgaben eines Klassensprechers sind. Dann frage ich, ob das jemand gerne machen mag. 10 von 19 Kinder melden sich. Ich freue mich und schreibe alle betreffenden Kindernamen an die Tafel, nachdem ich abermals jeden Einzelnen gefragt habe, ob sie oder er sich das wirklich zutraut. Gut. In Ordnung. Wir wählen. Geheim. Ich teile weiße Blätter aus, welche gefaltet werden sollen. "In die Innenseite schreibt ihr jetzt verdeckt einen Namen, der an der Tafel steht. Diesem Kind gebt ihr so eure Stimme. Aber beachtet, dass ihr euch nicht selber wählen dürft. Habt ihr das verstanden?" "JAAAAAAAAAA!" Los geht´s. Anschließend sammle ich die Blätter ein und führe eine Strichliste an der Tafel, jeweils beglaubigt von meheren Schülern, um maximale Transparenz und Fairness zu gewährleisten. Als fast alle Stimmzettel ausgewertet sind, schluchzt Malte* laut und beginnt zu weinen. "Malte, was ist mit dir?" "Ich stehe gar nicht an der Tafel!" "Ja, Malte, weil du dich vorhin nicht gemeldet hast und gar kein Klassensprecher werden wolltest." "Dooooooooch! Ich möchte Klassensprecher werden!" Aha. Now, we have the salad. Malte ist völlig konsterniert. Er war so aufgeregt, dass er das Melden vergessen hatte und auch meine konkreten Nachfragen genau falsch herum beantwortete. "Kommando zurück. Wir wählen neu." Alles nochmal von vorne. Soviel Zeit muss sein. Leider ist Malte kein Klassensprecher geworden. Sahrah* und Steve* waren knapp vorne. "Herzlichen Glückwunsch an die beiden Klassensprecher!" Nächster Programmpunkt: Mittagessen. Flo* hat Hunger. Er flitzt los und rutscht auf der Treppe aus. Autsch. Macht aber nicht´s, wo gehobelt wird, da fallen Spähne. Er schüttelt sich kurz und rennt weiter. Als Nachtisch gibt es Schokopudding. Lecker. Den mag jeder. Leider aber nicht den Eintopf aus Kartoffeln, Wasser und etwas Rotem, das entfernt nach Möhre aussieht. "Igitt." Anschließend geht es raus. Am ersten Schultag sind erstaunlicher Weise nahezu alle Schüler draußen. Revier markieren. Duftmarken setzen. Seine Rolle im Rudel finden. Da steht man als Lehrer Gewehr bei Fuß und hofft das Beste. Nach dem Gong, der das Ende der Pause signalisiert, kann man durchatmen. Keine Verletzten. In der letzten Stunde teile ich den Kindern ihre neuen Deutschbücher aus. "Achtet gut darauf, die müsst ihr am Ende des Schuljahres wieder bei mir abgeben." Pustekuchen. Nach drei Minuten weiß Manni* nicht mehr, wo er sein Buch hingelegt hat. Chantalle* kann ihren Namen nicht mehr schreiben und Malte stürzt beim Kippeln auf sein neues Buch. Eieiei. Das kriegen wir schon noch alles geregelt. Irgendwie. Und irgendwann. Den Abschluss des Tages bildet ein Spiel: "Atmet tief ein und summt beim Ausatmen ´mmmmmmmmm´...so lange es geht!" Das klappt. Lange. "Das ist zu einfach, Herr Klafki!" "Moment, jetzt atmet erneut tief ein, haltet dann mit euren Fingern eure Nase zu und summt erneut ´mmmmmmmm´! Ihr werdet sehen, dass ihr das Summen keine drei Sekunden aushaltet." Alle laufen rot an. Keiner schafft das. Auch ich nicht. Geht nämlich nicht. Unmöglich. Ich entlasse danach alle Schüler in den Nachmittag und freue mich schon auf morgen. Da sind die Mathebücher dran. Das wird ein Spaß. Wenigstens kann ich morgen unbesorgt meine neuen Schuhe anziehen. Quod erat demonstrandum.

* Namen geändert