Dienstag, 22. November 2016

Essen mit Liebe.

Das Schulessen ist ein Kapitel für sich. Günstig sollte es sein, lecker und gesund sowieso. Das ist der Plan. Die Wirklichkeit sieht dann aber doch oft anders aus...

Mir fiel in der letzten Zeit auf, dass Manni* sein Mittagessen oft verweigert oder nur sehr spärlich isst. Auch heute wieder. Er hat sich nur ein paar wenige Kartoffeln geben lassen und stocherte etwas mit seiner Gabel an ihnen herum. Ich setze mich neben ihn und frage: "Manni, sag mal, das Essen ist nicht gerade eine Wucht heute, oder?" "Herr Klafki, das kannst du laut sagen!" Wir grinsen. "Aber sag mal, so ganz schlecht ist es doch nun auch wieder nicht, oder was meinst du?" Manni blickt mir tief in die Augen. "Herr Klafki, soll ich dir mal etwas sagen? Es fehlt etwas. Die entscheidende Zutat." Ich bin gespannt. "Verrätst du mir, welche Zutat fehlt?" "Na ganz einfach, Herr Klafki, LIEBE. In dem Essen hier fehlt die Liebe. Meine Mama kocht immer mit Liebe. Meine Oma auch. Und da ist es immer lecker. Ohne Liebe schmeckt das einfach nicht."
Da kannst du nichts mehr hinzufügen. Ich fühle mit ihm. Wir vereinbaren, dass er die Kartoffeln nicht essen muss, sich dafür aber an der Obsttheke bedient. "Das Obst da ist frisch und lecker. Und liebevoll abgewaschen ist es auch. Da ist also richtig Liebe drin!" Manni lacht mich an, nimmt sich einen Apfel und saust auf den Pausenhof.

*Name geändert 

Freitag, 11. November 2016

Warum lachen Erwachsene weniger als Kinder?

Kinder lachen am Tag durchschnittlich 400 mal. Erwachsene im Schnitt nur 15 mal. Das ist erstaunlich. Furchtbar. Und ich mache da nicht mit. Das bekomme ich, unter den gegebenen Umständen, zu meinem Glück auch gar nicht hin.

Deutschunterricht. Die Kinder sind in der Stillarbeit vertieft. Thema: saubere Heftführung. Die Klasse ist ruhig und arbeitet. Beim Durchgehen fällt mir auf, dass Manni* gar nicht an der Schreibaufgabe arbeitet sondern akribisch ein Bild malt. Aha. "Manni, sag mal, was machst du denn da?" Schweigen. Null Reaktion. Ich setze mich neben ihn und frage erneut nach: "Manni, jetzt mal im Ernst, was machst du da?" Manni dreht sich zu mir, schaut mir tief in die Augen und antwortet: "Herr Klafki, psssssst, du störst mich." Ich habe wirklich Schwierigkeiten damit, nicht laut zu lachen. "Wobei störe ich dich denn?" "Na ganz einfach, Herr Klafki, du störst mich beim Unterricht. Ich bin vertieft in der Arbeitsphase." Da hast du keine Worte mehr. "Manni, deine Schlagfertigkeit belohne ich selbstverständlich mit einem Extrastern im Hausaufgabenheft, ich möchte dich jedoch darauf hinweisen, dass der tatsächliche Arbeitsauftrag ein anderer war. Weißt du noch, welcher?" Manni schlägt seine Hände vors Gesicht und entgegnet merklich leidend: "Ja, wir sollen den sauberen Hefteintrag üben, Herr Klafki." "Richtig, Manni, schön, dass du das noch weißt." In der Folge vereinbaren wir, dass er an seinem Kunstwerk weiterarbeiten kann, wenn er die Schreibaufgabe erledigt hat. Er ist widerwillig einverstanden und legt los. Dieses Mal mit der richtigen Aufgabe.

In der anschließenden Pause kommt Tamme* zu mir an den Lehrertisch. Er stellt sich still neben mich. "Tamme, was ist faul im Staate Dänemark?" Tamme lacht. Er antwortet: "Weißt du, weil du manchmal so komische Sachen sagst, schreibe ich Tagebuch darüber. Zuhause lese ich das dann immer meinen Eltern vor und die lachen sich jedes Mal scheckig!" "Na das ist ja wunderbar, Tamme. Herzlichen Glückwunsch! Was schreibst du denn da so alles auf?" "Na eben so etwas wie gerade eben. Letztens hast du doch in Mathe angefangen zu rappen. Das habe ich mitgeschrieben." Eieiei. Beim Erklären einer Aufgabe reagierte Sandy* kopfschüttelnd mit: "Wie jetzt?" Ich fuhr fort mit den Worten von Samy Deluxe: "...ihr Typen wollt rappen wie ich, deluxe mäßig flows und styles kicken wie ich? Ich sage wie jetzt, von euch Typen will jeder mitspielen, MCn und DJn nur leider geht da nicht viel!" Ich habe mehrere Minuten gebraucht, um die Klasse wieder zu beruhigen. Am Ende der Stunde hat aber jeder die Aufgabe verstanden. Und darum geht es ja. Nicht darum, das bierernst zu machen.

Was das Lachen angeht, versuche ich mit meinen Schülern mitzuhalten. Das ist eigentlich nicht schwer. Und deswegen mache ich das auch einfach. Es gibt schließlich durchschnittlich 400 Gründe am Tag, um zu Lachen. Und dafür bin ich einfach nur dankbar.

*Namen geändert


Montag, 5. September 2016

Der 1. Schultag

Montag, 7:30 Uhr. Der 1. Schultag nach den langen Sommerferien steht an. Es kribbelt. Es ist ein positives Kribbeln. Das ist gut. Das ist gesund. So muss das sein. Ich öffne die Eingangstür und erblicke die ersten, freudestrahlenden Kinderaugen.: "Herr KLAFKIIIIIIII!!!!!" Und ehe man sich versieht, hat man 10 Kinder an den Beinen kleben. Keiner achtet beim ´Begrüßungs-Umarmen-Knuddeln-und-Drücken´ auf meine neuen Schuhe. Das hätte ich vorher wissen sollen. Memo an mich: Am 1. Schultag keine neuen Sachen mehr anziehen. Das lohnt nicht. Die gehen kaputt. Egal. Alles, was zählt, ist die Mission.Weiter geht´s. Ich kämpfe mich bis in´s Klassenzimmer durch. Etappenziel erreicht. "Freie Platzwahl - auf Probe." Das kommt immer gut. Damit macht man sich Freunde. Alle sind aufgeregt und wollen erzählen, was sie in den Ferien alles erlebt haben. Ein Traum. Meine Klangschale ertönt. Alle wissen noch: "Wenn die Klangschale erklingt, heißt es: zur Ruhe kommen und nach vorne schauen." Das Langzeitgedächtnis funktioniert noch. Ausgezeichnet. "Wer möchte uns von seinen schönsten Ferienerlebnissen berichten?" Alle Hände oben. "Wolfi*, du darfst beginnen." "Ich habe gaaaaaaaanz viel Pokemon go gespielt." Ich wusste es. Fabrice* interveniert sofort: "Wolfi, das kann gefährlich werden! Ich habe von Menschen gehört, die sind beim Pokemon suchen von einer Klippe gesprungen und sind tot." Stille. Da weiß man gleich, welche Strategien manche Eltern fahren, um ihre Kinder davon abzuhalten. "Wolfi, dir geht´s aber gut, oder?" Er schaut mich erstaunt an und entgegnet trocken: "Ja, ich laufe nicht viel und nicht gern. Das weißt du doch." Alle lachen. "Und was hast du sonst noch gemacht  in den Ferien?" "Äm, ich habe Nudeln gegessen." Aha. Na da. Nachdem alle etwas von ihren Erlebnissen erzählt haben, eröffne ich den Kindern, dass wir in diesem Schuljahr das erste Mal einen Klassensprecher und einen Stellvertreter wählen. Alle jubeln. Ich erörtere zunächst, was die Aufgaben eines Klassensprechers sind. Dann frage ich, ob das jemand gerne machen mag. 10 von 19 Kinder melden sich. Ich freue mich und schreibe alle betreffenden Kindernamen an die Tafel, nachdem ich abermals jeden Einzelnen gefragt habe, ob sie oder er sich das wirklich zutraut. Gut. In Ordnung. Wir wählen. Geheim. Ich teile weiße Blätter aus, welche gefaltet werden sollen. "In die Innenseite schreibt ihr jetzt verdeckt einen Namen, der an der Tafel steht. Diesem Kind gebt ihr so eure Stimme. Aber beachtet, dass ihr euch nicht selber wählen dürft. Habt ihr das verstanden?" "JAAAAAAAAAA!" Los geht´s. Anschließend sammle ich die Blätter ein und führe eine Strichliste an der Tafel, jeweils beglaubigt von meheren Schülern, um maximale Transparenz und Fairness zu gewährleisten. Als fast alle Stimmzettel ausgewertet sind, schluchzt Malte* laut und beginnt zu weinen. "Malte, was ist mit dir?" "Ich stehe gar nicht an der Tafel!" "Ja, Malte, weil du dich vorhin nicht gemeldet hast und gar kein Klassensprecher werden wolltest." "Dooooooooch! Ich möchte Klassensprecher werden!" Aha. Now, we have the salad. Malte ist völlig konsterniert. Er war so aufgeregt, dass er das Melden vergessen hatte und auch meine konkreten Nachfragen genau falsch herum beantwortete. "Kommando zurück. Wir wählen neu." Alles nochmal von vorne. Soviel Zeit muss sein. Leider ist Malte kein Klassensprecher geworden. Sahrah* und Steve* waren knapp vorne. "Herzlichen Glückwunsch an die beiden Klassensprecher!" Nächster Programmpunkt: Mittagessen. Flo* hat Hunger. Er flitzt los und rutscht auf der Treppe aus. Autsch. Macht aber nicht´s, wo gehobelt wird, da fallen Spähne. Er schüttelt sich kurz und rennt weiter. Als Nachtisch gibt es Schokopudding. Lecker. Den mag jeder. Leider aber nicht den Eintopf aus Kartoffeln, Wasser und etwas Rotem, das entfernt nach Möhre aussieht. "Igitt." Anschließend geht es raus. Am ersten Schultag sind erstaunlicher Weise nahezu alle Schüler draußen. Revier markieren. Duftmarken setzen. Seine Rolle im Rudel finden. Da steht man als Lehrer Gewehr bei Fuß und hofft das Beste. Nach dem Gong, der das Ende der Pause signalisiert, kann man durchatmen. Keine Verletzten. In der letzten Stunde teile ich den Kindern ihre neuen Deutschbücher aus. "Achtet gut darauf, die müsst ihr am Ende des Schuljahres wieder bei mir abgeben." Pustekuchen. Nach drei Minuten weiß Manni* nicht mehr, wo er sein Buch hingelegt hat. Chantalle* kann ihren Namen nicht mehr schreiben und Malte stürzt beim Kippeln auf sein neues Buch. Eieiei. Das kriegen wir schon noch alles geregelt. Irgendwie. Und irgendwann. Den Abschluss des Tages bildet ein Spiel: "Atmet tief ein und summt beim Ausatmen ´mmmmmmmmm´...so lange es geht!" Das klappt. Lange. "Das ist zu einfach, Herr Klafki!" "Moment, jetzt atmet erneut tief ein, haltet dann mit euren Fingern eure Nase zu und summt erneut ´mmmmmmmm´! Ihr werdet sehen, dass ihr das Summen keine drei Sekunden aushaltet." Alle laufen rot an. Keiner schafft das. Auch ich nicht. Geht nämlich nicht. Unmöglich. Ich entlasse danach alle Schüler in den Nachmittag und freue mich schon auf morgen. Da sind die Mathebücher dran. Das wird ein Spaß. Wenigstens kann ich morgen unbesorgt meine neuen Schuhe anziehen. Quod erat demonstrandum.

* Namen geändert

Mittwoch, 8. Juni 2016

Auf der Suche nach dem nächsten Timo Boll

Sportunterricht. Mein Plan: Grob- und Feinmotorik trainieren. Das geht total gut mit Tischtennisschläger und Ball. Das dachte ich jedenfalls...
Nach der Erwärmung sollen sich die Kids an einer Linie am Hallenende aufstellen. Nebeneinander. Das klappt schon mal prima. Anschließend bekommt jeder einen Tischtennis-Ball in die Hand. Toll, ein Ball. Das läuft. Erste Übung: einfaches Prellen mit Ball und gleichzeitigem Geradeaus-Laufen zum anderen Hallenende und zurück. "Boah, Herr Klafki! Das ist viel zu einfach!" Ja, das dachte ich auch. Pustekuchen. "Auf los geht´s los! LOS!" Und schwupps, der 1. stolpert. Manni* hat Schwierigkeiten mit dem Geradeaus-Laufen. Dafür prellt er den Ball aber relativ sicher. Darauf kann man aufbauen. Vincent* hat die Aufgabe nicht verstanden und flitzt einfach auf Verdacht los. Natürlich mit dem Ball in der Hand. Ohne Prellen. Hauptsache Erster. Erster sein ist immer gut. Max* versucht zu prellen, verliert aber sofort den Kontakt zum Ball und vollführt in der Folge eine besondere Art des Ausdruckstanzes. Stets auf der hastenden Suche nach dem Ball, kriecht er durch die Halle, um nach eben jenem zu greifen. Mit beiden Händen. Erfolglos. Blöder Ball. Was rollt der auch so unvorhersehbar durch die Halle? Justin* ruft "Schau mal Herr Klafki! Ich kann das total gut!" Er rennt zu mir, um mir sein Können zu demostrieren. Er prellt einmal. Zweimal. Und zack, weg ist der Ball. Und Justin auch. Vorführeffekt. Karl* weint. Ich eile zu ihm: "Was ist denn passiert? Warum weinst du?" "Weil Tischtennis-Bälle das Schwierigste sind, was je erfunden wurde auf dieser Welt!" Ich tröste. Es ist schließlich noch kein Meister vom Himmel gefallen. Beim zweiten Durchgang klappt das alles schon deutlich besser. Ich wage es und gebe jedem Kind für den dritten Durchgang einen Schläger. "Wer die Übung erfolgreich beendet, bekommt einen Stempel." Einfaches Prellen mit Ball und Schläger. Nach 5 Minuten "Training" sind 4 Bälle und 2 Schläger kaputt. Prima. Spaß hat es aber allen gemacht. Fast allen. Nur Karl nicht. Karl bockt. Er sitzt mit verschränkten Armen beleidigt auf der Bank. Aber das wird schon noch. Auch bei ihm. Das reicht fürs Erste in Sachen Sensibilisierung für den Tischtennis-Sport. Den Abschluss der Stunde bildet eine Ausdauer-Übung. Die Kinder sollen zunächst im gemäßigten Tempo joggen. Bei einem Pfiff heißt es: "Schnell flach hinlegen, sofort wieder aufstehen und weiter rennen!" Bei zwei Pfiffen: "Hinlegen, ein Liegestütz, sofort aufstehen und weiter rennen!" Und bei drei Pfiffen: "Auf der langen Geraden sprinten!" Nach zehn Minuten sind alle platt. Aber glücklich. Einen Stempel bekommt jeder. Verdient.
Aber beim Thema Tischtennis bleibe ich dran. Das wird schon noch. Eins nach dem anderen. Man weiß es schließlich nicht: Vielleicht ist ja doch ein neuer Timo Boll unter meinen Schülern.


*Namen geändert

Freitag, 20. Mai 2016

Brima Tschässigah, eenfach glasse!

Deutschunterricht. Als Lehrer steht man oft vor der Herausforderung, Kinder dort abzuholen, wo sie gerade sind. In ihrer Welt. Es macht wenig Sinn, vor jungen Menschen über die Notwendigkeit der korrekten Nutzung von Artikeln und Nomen zu referieren und dabei zu hoffen, dass sie einem dabei bis zum Ende der Stunde aufmerksam folgen. Das läuft einfach nicht. Da schalten sie auf Durchzug. Und da beißt die Maus auch keinen Faden ab. Man kann ihnen das nicht einmal verübeln. Ich nutze in solchen Momenten gerne die menschliche Hand als Werkzeug und Methode zugleich. Eine Hand hat jeder. Die ist meine. Die gehört mir. Als Einstieg sollen die Kinder, in partnerschaftlicher Zusammenarbeit, ihre eigene Hand auf ein Blatt Papier legen und diese mit einem Stift umranden. Und der Sachse würde sich freuen: nu eiferbibbsch, das is ja meene Hand uffn Babier! Und meinen Schülern geht es fast genauso, nur auf Hochdeutsch. Da ist etwas von mir. Das ist meine. In die Nagelfläche der Finger lasse ich in der Folge die Artikel der, die und das notieren und die beiden liebsten wiederholen. Fünf Artikel. Das reicht für´s Erste. Anschließend wird die Fläche in den Fingern dafür genutzt, um passende Nomen darin zu platzieren. "Heißt es die Haus oder das Haus?" "DAAAS Haus, Herr Klafki!" Auch das läuft wie ein Länderspiel. Einige Schüler brauchen bei der Nomensfindung gar keine Hilfe, anderen steht man mit Rat und Tat, sowie stets lobend, zur Seite. Nach wenigen Minuten präsentieren mir die Kinder ihre mit passenden Nomen gefüllten Hände. Ich bin begeistert. Weltklasse. Ich komme aus dem Loben gar nicht mehr heraus. Selbst Manni* lobe ich für seine Hand. Die hat er zwar ausgeschnitten, obwohl er das nicht tun sollte, weil die Blätter gelocht waren und in den Deutschhefter abgelegt werden sollten. Aber Manni ist beim Ausschneiden sonst nicht der Genaueste. Seine Hand jedoch, die hat er fehlerfrei und fein säuberlich ausgeschnitten. "Manni, das hast du klasse gemacht!" Und da sind wir beim zweiten Werkzeug: Kinder wollen gelobt werden. Auch, wenn sie mitunter knapp an der Aufgabenstellung vorbeigeschrammt sind. Egal. Durch Lob bekommen Kinder Rückkopplung. Die brauchen sie und dadurch nehmen sie auch etwas mit. "Brima Tschässigah*, eenfach glasse!" ...würde der Sachse sagen.


* Namen geändert

Freitag, 13. Mai 2016

"Sportlehrer, man, hast du es gut!"

Sportunterricht. Im Allgemeinen kann man vermuten, dass es Sportlehrer ganz einfach haben: kaum Vor- und Nachbereitung, keine ewigen Klausurkontrollen, Bewegung...eine rundum entspannte und zugleich gesunde Sache. Nur fehlt bei dieser Betrachtungsweise die chaotische Komponente: die Kinder. Eine Turnhalle ist groß. Da kann viel passieren. Und es passiert. Nicht immer ist das etwas Gutes. Laut ist es dabei immer. Das ist nicht zu verhindern. Und das wäre auch nicht im Sinne des Erfinders.
Justin* ist ein Leichtgewicht. Er flitzt beinahe die Kletterstange hoch. Oben angekommen, wagt er einen Blick nach unten und stellt erschrocken fest, dass die gewonnene Höhe durchaus angsteinflösender Natur ist. Er lässt vor Schreck die Stange los und fällt aus gut drei Metern in die Tiefe. Ich kann ihn auffangen und Schlimmeres verhindern. Fast zeitgleich spielt Manni* mit Emilia* Fangen um das Tor auf der anderen Hallenseite. Und schwupps, Manni verfängt sich im Netz und stürzt. Das kann er gut. Das macht er gerne. Ole* läuft indes aus Versehen rückwärts über Chantals* Füße, die gerade ihre Schuhe für das Klettern an der Stange ausziehen wollte. Aua. Das tut natürlich weh. Aber: immer positiv bleiben. Trösten. Aufmuntern. Anspornen. Weiter geht´s.
Was ich über den Sportunterricht mit kleinen Klassen gelernt habe: Rennen, Klettern und Spiele mögen alle Kinder. Musik sowieso. Und das kann man nutzen:
Zur Erwärmung lasse ich in der Halle gerne laut Musik laufen. Da fetzen alle los. Da gibt es kein Halten mehr. Einige rennen zwar ruhig und zielstrebig ihre Runden, die meisten Kinder toben aber wild tanzend durch die Halle. Das kann man so machen. Hauptsache Bewegung. Anschließend folgt in der Regel eine Übung. Aber Obacht: nicht zu lange, sonst läuft man Gefahr, dass man seine Stimme verliert, weil man quer durch die Halle rufen muss. Da freuen sich die Stimmbänder. Den Abschluss bildet eine Spielform. Am Anfang des Schuljahres war "Tiger im Zoo" DAS Spiel. Dabei legt man zwei Fänger fest, die sich an einem Hallenende im Tor positionieren und "gaaaaanz zahme Tiger sind, die gestreichelt werden wollen." Die restlichen Kinder streicheln die Tiger und mimen das Fotografieren der Tiere nach. Safarifeeling pur. Und dann: "ACHTUNG, DIE TIGER SIND LOS!" Und zack, die Tiere werden wild und fangen nun die anderen Kinder quer durch die Halle. Wer berührt wird, wird nun selbst zum Tiger und das Spiel beginnt von vorne. In der Grundschule ist das ein Selbstläufer.
Mittlerweile hat sich ein anderes Spiel die Pole Position erobert: der Sprungkreis. Hierfür stellt man sich in die Mitte eines aus Kindern bestehenden Kreises und hat ein Seil mit einem Gummiring am Ende in der Hand und schwingt dieses im Kreis über den Boden. Die Kinder müssen im richtigen Moment springen, um so dem Ring auszuweichen. Paart man dieses Spiel mit Musik, so wechselt sich Tanz und Sprung ab. Die nachfolgenden Unterrichtsstunden verlaufen in der Folge garantiert diszipliniert und ruhig, weil die Kinder völlig aus der Puste sind. Uneingeschränkte Empfehlung für unausgelastete Kinder. Beschleunigter Zuwachs an grauen Haaren und angeschlagene Stimmbänder bleiben aber meist dennoch nicht aus, weil bei der Übung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit dann doch wieder etwas passiert. "Sportlehrer, man, hast du es gut!"
Ja, das habe ich wirklich. Es ist eben alles eine Frage der Methode sowie der nötigen Gelassenheit. Und belastbarer Stimmbänder.

* Name geändert


Donnerstag, 12. Mai 2016

Herr Klafki und seine Geheimnisse.

Mathematikunterricht. Ich habe der Klasse eine Stillarbeitsphase verordnet und bei gelungener Durchführung sowie korrekter Lösung der Aufgaben einen Belohnungsstempel in Aussicht gestellt. Das zieht immer. Es ist ruhig und alle arbeiten konzentriert. Alle, bis auf Max*, der seinen Kopf auf dem Mathematikbuch abgelegt hat und leise vor sich hin summt. Ich beuge mich zu ihm herunter und erkundige mich: "Max, ist alles in Ordnung bei dir? Kann ich dir helfen?" Max richtet sich auf und schaut mich mit großen Augen an. Dabei hat er seinen linken Zeigefinger in der Nase und bohrt kräftig. Er zieht anschließend einen langen, wabbeligen Popel aus der Nase, betrachtet ihn stolz, grinst und lässt ihn genüsslich in seinem Mund verschwinden. Ich sitze dabei keinen Meter von ihm entfernt, richte mich mit grinsend-ekelverzerrtem Gesicht auf und sage: "Eieiei Max. Wenn du damit fertig bist, helfe ich dir gerne weiter." Max´ Banknachbarin, die von Max´ Snack nichts mitbekam, erkundigt sich bei ihm: "Was hat Herr Klafki?" Max erwiedert eloquent: "Weißt du, Herr Klafki redet nicht gerne über seine Geheimnisse."
Na da. Die Aufgabe hat Max dann noch rechtzeitig lösen können. Und als Belohnung gab es auch einen Stempel von mir. Ganz offen. Ohne Geheimnisse.

* Name geändert

Dienstag, 26. April 2016

Der Klassenhut

Deutschunterricht. Neue Woche, neues Glück. Thema diese Woche: das H. Zur Einführung in den Laut brauche ich einen Freiwilligen. Alle Hände oben. So muss das sein. Ich platziere Justin* an einem Einzeltisch und verbinde ihm die Augen. Den anderen Kids zeige ich nun einen Gegenstand, den ich aus einer Kiste hole...es ist ein Hammer. Diesen platziere ich auf Justins Tisch. Er soll den Gegenstand ertasten und so erraten, was er da in den Händen hält. Er fühlt. Er greift. Er vermutet: "Ist das eine Luftpumpe?" Alle lachen. Justin lacht mit. Ich antworte: "Sehr kreativ, lieber Justin, aber eine Luftpumpe ist es nicht. Fühle weiter. Beschreibe einfach, was du fühlst." "Also, das ist hart." "Super Justin, das ist richtig. Fühlst du noch mehr?" Justin ist voll konzentriert. "Ja, ist da ein Griff? Und was Spitzes?" "Ja, das kann man so sagen." "Ist das ein Hammer?" Die ganze Klasse im Chor: "JAAAAAAAAAAAAA!" Ein Länderspiel. "Wer möchte das Wort Hammer mit Hilfe an die Tafel schreiben?" Alle Hände oben. Tafel und Hilfe...das sind Signalwörter. Da will jeder ran. "Lisa*, los geht´s!" Das klappt prima. So, neuer Gegenstand. "Wer will nochmal?" Natürlich: alle Hände oben. "Jamie*, komm du doch bitte nach vorne." Ein Zischen und zack, er sitzt. Die anderen Kinder leiden schon fast. "Wir wollen auch!" Dürfen sie. Einer nach dem anderen. Jamies Augen werden verbunden und der neue Gegenstand wird der Klasse gezeigt. Ein Handtuch. Jamie tastet. Er stellt sofort klar: "Das ist weich. Und aus Stoff" "Klasse Jamie, völlig richtig." Er knetet das Handtuch richtig durch. Jetzt geben die anderen Kinder Tipps: "Jamie, das nutzt die Mama im Urlaub, um sich ihren Platz am Strand zu sichern." Ich lache mich schlapp. "Sehr guter Hinweis, Chantalle*." "Ja, und manchmal steht dein Name drauf." Was bitte sind das für kreative Hinweise? Jamie erkundet blind weiter. "Ich hab´s! Ein Handtuch!" Alle jubeln. Manni darf das Wort Handtuch an die Tafel schreiben. Natürlich mit Hilfe. Das kriegen wir hin. "Wer möchte nun raten?" "Iiiiiiiiiiiiiiiich!" Im Chor. "Amy, du bist dran." Amy grinst wie verrückt und rennt nach vorne. Augen verbinden und los geht´s. Ich zaubere einen Hut aus der Kiste. Es ist ein Hut im 20er Jahre Stil. Amy tastet sich langsam vor. Ziemlich schnell errät sie den richtigen Begriff. "Das ist ein Hut!" Alle wollen in der Folge diesen Hut aufsetzen. Ich schlage eine Abmachung vor: "Vorschlag, liebe 1b: Ab heute darf das Kind, welches am besten mitgearbeitet hat, sich brav verhalten oder es sich anderweitig besonders verdient hat, diesen Hut für einen Tag mit nach Hause nehmen. Was haltet ihr davon?" Und alle: "JAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA!!!!!" Der weitere Tag verlief ohne Zwischenfälle. Alle haben fleißig mitgearbeitet. Alle waren brav. Aber ein Kind hatte dieses ganz besondere Glänzen in den Augen, wenn es um den Hut ging. Und so durfte Amy den Hut mit nach Hause nehmen. "Keine Sorge, liebe Kinder, morgen ist jemand anderes dran. Mal sehen wer es wird!" Ich bin gespannt auf morgen. Und ich freue mich auf eine lernwillige, ruhige und Hut-mit-nach-Hause-nehmen wollende Klasse.

* Namen geändert

Dienstag, 12. April 2016

Tic Tac Toe einmal anders

Tic Tac Toe kennt jeder. Kreis, Kreuz, Kreis, Kreuz, Kreis...bis (hoffentlich) drei gleiche Zeichen in einer Zeile, Spalte oder Diagonale gesetzt sind. Easy. Der Spaßfaktor geht aber gegen unendlich, wenn man dieses Spiel in die Turnhalle verlagert und daraus ein Denk- vs. Geschwindigkeitsspiel macht. Ganz einfach: Neun Reifen auf dem Hallenboden platziert, Kreuz und Kreis werden zu blauen und roten Bällen, zwei Teams, 20 Meter Sprintstrecke zum Spiel und zack, läuft.


Der Erste rennt im Affenzahn zum Spiel, bleibt stehen...überlegt...überlegt weiter...und weiter...und legt ab...dann wieder in Höchstgeschwindigkeit zur Mannschaft, abklatschen, weiter geht´s. Ein Traum. Und das Beste daran: die Teammitglieder schreien unterstützend: "GÜNNIIIIIII*, hinten...H I N T E N!" Oder "Manni*...IN DIE MITTEEEEEEEE!!!" Es ist einfach zauberhaft. Alle für einen. Da ist es schon fast traurig, den Kindern mitzuteilen, dass die Sportstunde schon wieder um ist, so schnell vergeht die Zeit. "Du, Herr Klafki, können wir das beim nächsten Mal wieder machen? BITTE!" Mit den Augen zwinkernd und grinsend erwiedere ich: "Ich überlege es mir." Dabei steht die Antwort längst fest...

*Namen geändert

Mittwoch, 6. April 2016

Wie aus Streithähnen Freunde werden.

Josef* und Günni* können sich eigentlich nicht riechen. Ständig kracht es zwischen den beiden. Mal nervt der eine den anderen, mal ist es umgekehrt. Ein wahrhaftiger Grund der gegenseitigen Abneigung ist nicht auszumachen. Ich habe mir das eine Weile lang angeschaut und nach Lösungen gesucht. Gut eignet sich hierfür das Beobachten in Phasen des freien Spiels, die ich immer wieder einbaue, damit die Kinder abschalten können. Es sind ja schließlich Kinder. Besonders beliebt ist in diesen Phasen das Spielen mit Lego auf unserem Spielteppich. Josef und Günni waren heute Vormittag nahezu zeitgleich fertig mit der Tagesaufgabe. Als Belohnung durften sie sich die große Legokiste auf den Teppich stellen und spielen. Es dauerte nicht lange und Günni brauchte genau diesen einen Stein, den sich Josef soeben aus der Kiste pickte. "Ey, den brauche ich aber!" "Pech gehabt, ich war schneller!" Eieiei. Glücklicherweise hatte ich in den Pausen der vergangenen Tage selbst an einem Lego-Weltraumgleiter gebaut. Meine Passion. Weltraumgleiter. Da konnte mir schon in meiner Kindheit keiner was. Das war mein Ding. Ich stellte den Gleiter zwischen die beiden Kinder und erlaubte ihnen, dass sie ihn umbauen können: "Gemeinsam." Das klappte. Und wie. Völlig in sich gekehrt, und doch partnerschaftlich, suchten beide Streithähne nach Optimierungsmöglichkeiten für meinen Raumgleiter. Nach 20 Minuten war ich nicht nur eines Besseren belehrt, was meine Ingenieursfertigkeiten anbelangt. Es folgte zudem eine Demonstration in Sachen "Eigentlich bist du ja gar nicht so doof, wie ich dachte.": Günni fand Josefs Ideen toll und umgekehrt. Sie machten gemeinsame Sache und aus meinem schnöden Raumgleiter wurde ein "Helikopter, der sich durch Portale katapultieren kann und dabei auch noch Platz für ganz viele Zeitreisende hat!" Der Wahnsinn. Zum Mittag gingen Günni und Josef gemeinsam. Händchen haltend. Beim Essen saßen sie nebeneinander und bei der anschließenden Hofpause tobten sie zusammen über den Schulhof. Mehr geht nicht. Selbstverständlich nehme ich aber die Herausforderung an: Morgen bleibe ich länger, schließe mich ein und baue den fantastischsten Weltraumgleiter, den die Welt jemals gesehen hat! Und wenn nicht, dann hilft er vielleicht wieder bei der Befriedung zweier Streithähne. Das würde mir vollkommen reichen.

*Namen geändert

Mittwoch, 2. März 2016

Ein Mann als Grundschullehrer?

Schubladen sind etwas Feines. Man kann darin ganz viel verstauen, einsortieren, in Kategorien ordnen. Das mag der Mensch. Das macht er gerne. Berufe teilt man zum Beispiel in jene, die primär für Frauen und andere, die für Männer geeignet sind. Schwupps, Deckel drauf. Das passt schon so. Ein Mechaniker muss ein Mann sein, eine Krankenschwester eine Frau - das sagen schon die gängigen Berufsbezeichnungen. Schlage ich ein Buch zur Unterrichtsgestaltung auf, so stehen da Sätze wie: "Die Lehrerin liest nun die Geschichte vor." Aha. Und ich? Ich bin ein Mann. Da bin ich mir sicher. Und ich bin Grundschullehrer. Für mein Empfinden sollten viel mehr Männer an Grundschulen unterrichten. Nicht, weil Männer Kinder als Gitarre nutzen, sie hochheben und durchkrabbeln können. Nicht, weil Männer auch tiefste Stimmen beim Vorlesen imitieren können. Sondern, weil es das Normalste der Welt ist. Ein Mann als Grundschullehrer? Natürlich. Selbstverständlich. Ich verstehe die Frage nicht. Gern geschehen.
Aber ich gebe zu, den kleinen Max* wie eine Gitarre zu halten und auf seinem Bauch, krabbelnd, Led Zeppelins "Stairway to heaven" nachzuspielen...ist ein Highlight!

*Name geändert

Dienstag, 1. März 2016

"Wir werden alle älter."

Sachkundeunterricht. Das Thema lautet "Zukunft" und baut auf die vorangegangenen Kunst- und Werkeneinheiten auf. Dort sollten die Kinder zu Beginn die Augen schließen und sich vorstellen, wie sie die Zukunft sehen. Das, was sie zuerst vor ihren inneren Augen sahen, galt es mit Tusche aufs Papier zu bringen. Das hat wunderbar geklappt. Daran wurde angeknüpft: "Jeder nimmt bitte sein gezeichnetes Bild zur Hand und erklärt es seinem Banknachbar. Verratet ihnen, wie ihr die Zukunft seht. Der Partner hört aufmerksam zu. Anschließend tauscht ihr die Rollen. Am Ende berichtet jeder von euch, wie nicht ihr selbst, sondern euer Nachbar die Zukunft sieht." Ich warte einige Zeit, damit die Kinder die Aufgabenstellung verinnerlichen können und füge anschließend hinzu: "Gibt es Fragen?" Stille. "Ausgezeichnet. Nun steckt eure Köpfe zusammen und tauscht euch aus." Vier von sieben Paare nehmen meine Aufforderung in der Folge wortwörtlich und stecken tatsächlich ihre Köpfe zusammen. Das kann man so machen, muss man aber nicht. Die Kinder tauschen sich aus. Von außen betrachtet, sieht das hervorragend aus. Nach 10 Minuten Partnerarbeit unterbreche ich: "So, nun wollen wir mal sehen, was eure Banknachbarn für Vorstellungen von der Zukunft haben. Wer möchte denn beginnen?" Nahezu alle Kinder melden sich. Ein Länderspiel. "Thommy*, fang du doch mal an. Wie sieht die Zukunft in den Augen deiner Nachbarin aus?" Thommy schaut mich mit großen Augen an. "Ähm, das weiß ich nicht." "Hat dir denn Annalena* nichts gesagt?" Annalena interveniert postwendend: "Doch Herr Klafki, ich habe Thommy alles erzählt!" "Das stimmt. Sie hat mir alles gesagt." bestätigt mir Thommy. "Und warum sagst du dann nichts dazu?" frage ich ihn. Thommy entgegnet: "Weil ich es vergessen habe." "Thommy, ehrlich bist du, das muss man dir lassen. Aber warum meldest du dich dann, obwohl du gar nicht mehr weißt, was Annalena zu dir gesagt hat?" "Na weil ich dir erzählen wollte, wie ich meine Zukunft sehe, Herr Klafki!" "Das möchte ich aber von Annalena wissen, mein Lieber. Annalena, weißt du denn noch, wie Thommy die Zukunft sieht?" "Ja, Herr Klafki, Thommy hat gesagt, dass in der Zukunft die Tage heller sind. Wegen der Sonne. Die wächst nämlich. Roboter gibt es dann, die uns helfen. Und er hat gesagt, dass wir alle älter werden, weil, wenn wir uns zum Beispiel den Arm brechen, dann bekommen wir einen Roboterarm. Genau. Das hat er alles gesagt." Ich bin baff. Zum einen, weil Annalena uns jede Einzelheit aus den Vorstellungen Thommys berichten konnte und zum anderen, weil Thommy ein sehr reales, vorstellbares und logisches Verständnis von Zukunft hat - mit 6 Jahren. Beide bekommen einen Stempel mit drei Sternen von mir. Und die Sache mit dem Verstehen der Aufgabenstellung üben wir noch etwas. Die Zeit nehmen wir uns. Wir werden ja schließlich alle älter.

* Namen geändert

Mittwoch, 24. Februar 2016

Mathematik oder Lego bauen?

Pausenaufsicht. Das Wetter ist schlecht und so verteilen sich die Kinder der Grundschule auf ihre Klassenräume und den Hortbereich. Ich widme mich Letzterem, betrete den Saal und erblicke fünf eifrig konstruierende Lego-Ingenieure um einen großen Spieltisch vereint. Kinder lieben Lego. Und aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, dass das bei so manch Erwachsenem nicht anders ist. Taucht man einmal ein in die Welt der kleinen Steine, spielt man nicht nur, man erschafft Weltbewegendes. Raumgleiter, Häuser, Wehranlagen, Autos, Schiffe, Portale und, und, und. Mich packt die Baulust und so setze ich mich neben die Kids. Ich verhalte mich erst einmal still und lausche den Expertengesprächen sowie dem meditativ anmutenden Rascheln der Legosteine durch gezielt suchende Kinderhände. Manni* blickt in die Runde: "Ich suche einen schwarzen Vierer für meinen Düsenantrieb! Hat einer von euch einen für mich?" Max* entgegnet: "Such mal in der Kiste, ich habe keinen, nur Sechser." Ich fühle mich sofort an meine Kindheit zurückerinnert. Ein Traum. Auch ich fange an zu bauen. Ein Raumgleiter soll es werden. Grundlage bildet ein 2x4 großer Stein. "Manni, schau mal, ich hab hier einen Legostein. Hat der einen Namen?" "Na klar, Herr Klafki. Das ist ein Achter!" Herrlich. Wie früher. "Wenn ich einen halb so großen Stein haben möchte, welchen brauche ich dann?" Wie aus der Pistole geschossen antwortet Manni: "Einen Vierer! Ist doch ganz klar!" Ich bin begeistert. "Manni, klasse. Was ist also 8-4?" Manni schaut mich verdutst an und zählt mit den Fingern ab. Erst acht, dann zieht er langsam vier wieder ab. Unsicher antwortet er: "Vier?" Ich kann mir ein Lächeln nicht verkneifen und sage: "Na klar, Manni. Das hast du doch eben schon ausgerechnet, nur mit Legosteinen." "Ja eben! Da ging es um Legosteine!" Ich schaue ihn aufmunternd an und sage: "Richtig. Mein Fehler." Wir bauen weiter. Oles* Auto nimmt Formen an, Jakobs* Haus bekommt Fenster und auch mein Raumgleiter nimmt Gestalt an. "Cool, Herr Klafki! Dürfen wir damit dann auch spielen, wenn du fertig bist?" "Na klar dürft ihr. Verratet mir nur noch eins: wenn ich einen Zweier habe und an den noch zwei Zweier daran baue, was habe ich dann?" Die Kinder schauen mich verwundert an. Jakob konstatiert: "Herr Klafki, nimm doch nicht 3 Zweier, die sind eh so selten. Nimm doch gleich einen Sechser! Davon sind noch ganz viele da." Einsichtig gebe ich Jakob recht, vollende meinen Gleiter und überlasse ihn den Kindern zum Spielen.

* Namen geändert

Montag, 22. Februar 2016

Experiment geglückt - Lehrer baff.

Kunstunterricht. Ich wage ein Experiment: Ohne jegliche Aufgabenstellung stelle ich eine große Kiste mit Buntpapierschnipseln vor die Tafel. "Meine Lieben, ich gebe Euch jetzt eine Stunde Zeit. Seid kreativ. Ihr könnt machen, wozu ihr Lust habt. Kommt ruhig nach vorne und sucht euch etwas aus. Mehr möchte ich euch nicht sagen." Die Kinder machen große Augen. Dazu sind sie natürlich sehr interessiert am Inhalt der Kiste. Kisten sind immer gut. Da ist was drin. Das muss da raus. Die Schüler kommen nach vorne und bedienen sich. Gut so. Zur Untermalung der Stunde lasse ich ein Hörspiel laufen. Auch dazu sage ich nichts weiter. Mein Ziel ist es abzuwarten und zu beobachten.
Die Kinder beginnen mit der Arbeit. Alle. Ohne Ausnahme. Jeder hat sein eigenes, ganz persönliches Ziel. Niemand redet. Alle lauschen der Geschichte und arbeiten konzentriert. Manche bauen das Hörspiel in ihre Arbeiten ein, einige machen etwas anderes. Aber alle Kinder haben eines gemeinsam: den absoluten Fokus auf ihr Tun. Sie beachten mich gar nicht. Abgetaucht in ihre kleinen, wundervollen Welten voller Schnipsel, die ein Meer darstellen, ein Schiff, Legofiguren, Planeten, Formen oder Abstraktionen entstehen Arbeiten, die mehr sind als ein erreichtes Ziel. Vielmehr sind sie ein Hinweis. "Schenke uns Vertrauen. Erkenne, dass wir etwas Erreichen können. Schau her, was wir alles können." Das hat kein Kind gesagt. Aber man konnte es in ihren Augen lesen. Kinder brauchen Freiraum. Kinder sind kreativ. Wir sollten ihnen viel häufiger Zeit für ihre eigenen Gedankenspiele geben. Ein paar wenige Schnipsel reichen. Oder ein weißes Blatt Papier. Der Rest entsteht von ganz alleine. Und das muss ihnen niemand erklären. Experiment geglückt, Lehrer baff.


Samstag, 20. Februar 2016

Der Bock. Das zum Gerät gewordene Unheil.

Jeder, der sich an seine eigene Schulzeit zurückerinnert, weiß, dass es im Sportunterricht diesen einen besonders fiesen Gegner gab: den Bock. Kein anderes Sportgerät sorgte für mehr Angstschweiß und besorgte Gesichter. Der Bock. Besonders hinterhältig war die Tatsache, dass man beim Beobachten des Scheiterns seiner Mitschüler am Gerät zwar einerseits herzlich und teilweise auch voller Spott lachte, dann aber selbst hilflos genau jenem Spott ausgesetzt war, wenn man selbst zum Anlauf ansetzte. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Der Bock - ein scheinbar nicht zu bezwingender Hühne. Ein schmerzvoller Begleiter in jeder Turneinheit. Das zum Gerät gewordene Unheil.
Schon bei der Begrüßung fragen mich die Kinder, was das denn für ein komisches Ding da in der Turnhalle ist. Wozu kann das nur gut sein? "Das ist ein Bock, liebe 1b. Und über einen Bock springt man. Mit Anlauf." Ich führe die Klasse an das Sportgerät heran, turne vor, zeige, wie man das Sprungbrett richtig nutzt, sich am Bock festhält, den Schwung mitnimmt, über das Gerät kommt und anschließend sicher und sauber landet. Easy. Ganz einfach. Die Kinder staunen. "Das schaffen wir nieeeeemals!" "Doch. Das schafft ihr. In die Hände gespuckt, Kopf hoch, Brust raus und los geht´s!"
Bjarne* ist als erster an der Reihe. Ich erkenne bereits aus der Ferne seinen sorgenvollen Blick. Aber er ist hochmotiviert und rennt los. In der Halle herrscht gespennstische Ruhe. Alle Augen sind auf Bjarne gerichtet. Zur Sicherheit stehe ich neben dem Bock und bin auf alles gefasst. Jedenfalls denke ich das. Bjarne hat mächtig Tempo drauf. Er will es wissen. Leider springt er nicht auf dem Sprungbrett ab sondern davor. Suboptimal. Mit voller Wucht springt er so nicht über sondern gegen den Bock. Diesen umarmend, schaut er mich an. "Das tat weh, Herr Klafki." "Das glaube ich dir, mein Lieber." Ich löse die Umarmung zwischen Bock und Bjarne und streichel ihn aufmunternd über den Kopf und meine: "Das ging mir beim 1. Mal genauso. Alles gut. Beim nächsten Mal wird es besser!" "Ich schaffe das!" Motivationsbiene für Bjarne.
Als nächstes ist Susi* dran. Sie stürmt heran, springt richtig ab und landet sicher auf dem Bock. Hervorragend. Darauf kann man aufbauen. Susi ist zufrieden und ich bin es auch. Jetzt Jamie-Lee Müller*. Angst kennt der nicht. Auch er will es wissen. Auch er stürmt los und springt richtig ab. Aufgrund seiner Schwungmasse schießt er jedoch über das Ziel hinaus und fliegt über den Bock. Er landet liegend. Aber er hat es geschafft. Mit Schmackes. Ich helfe ihm hoch, klatsche mit ihm ab und sage: "Du hast den Bock bezwungen! Das ist das Wichtigste. An der Landung arbeiten wir noch. Aber: top Leistung!" In der Folge schafft es kein weiterer Schüler über den Bock. Die meisten landen aber sicher auf ihm. Das lasse ich gelten. Das finde ich gut. Als Letzter ist Felix* dran. Er nimmt Anlauf und visiert das Sprungbrett an. Übermotiviert springt er jedoch nicht auf das Brett sondern dahinter. DAHINTER. Das muss ihm erstmal einer nach machen. Er rutscht aus und landet schließlich unter dem Bock. UNTER DEM BOCK. Auch das halte ich für einzigartig. "Felix? Alles gut?" "Ja, Herr Klafki. Aber wie ist das denn bitte passiert?" "Pass auf, Felix: Beim nächsten Mal achtest Du einfach darauf, dass Du AUF dem Sprungbrett landest und nicht dahinter, ok?" "Ok, Herr Klafki. Darf ich gleich nochmal?" Wow. Was für ein Wille. So bezwingt man das zum Gerät gewordene Unheil. Ganz sicher. Irgendwann.

*Namen geändert


Donnerstag, 18. Februar 2016

Flasche zudrehen, aufwischen und weiter geht´s!

 Jamie* mag Zitronenlimonade. Lecker. Jeden Tag bringt er eine Flasche davon mit in die Schule und trinkt sie genüsslich. Nun gehöre ich nicht zu den Lehrern, die ihren Schülern das Trinken während des Unterrichts verbieten. Weil das, offen gesagt, quatsch ist. Wenn man Durst hat, mag man etwas trinken. Da kann man nichts dagegen haben. Jamie ist nun aber ein wahrer Experte in Sachen: Lecker...trinken...Flasche hinstellen...und vergessen, den Deckel wieder zuzudrehen. Jedes Mal. Ich fühle mit ihm. Es gibt ja auch immer wieder etwas Neues zu erleben. So setzt er zum Trinken an und auf einmal heißt es: "Schlagt bitte eure Fibeln auf." ...oder: "Jamie, kannst du mir deinen Spitzer leihen?" ...oder: "Was ergibt 6 plus 4?" Und zack. Eine unachtsame Bewegung und die Flasche liegt. Meistens ist sie dabei nicht leer. "Herr Klafki, es ist schon wieder passiert!" "Jamie, meine Hochachtung, wenn es eine Sportart geben würde, bei der man versucht, unabsichtlich und so oft es nur geht, seine Flasche aus Versehen umzustoßen, dann wärst du in dieser Disziplin der beste Athlet der Welt! Na komm, Flasche zudrehen, aufwischen und weiter geht´s!" Gestern habe ich seine Banknachbarin gebeten mit darauf zu achten, dass Jamie nach dem Trinken seine Flasche wieder zudreht. Und heute? Jamie gönnt sich ein Schlückchen. Er stellt die Flasche anschließend auf seinen Tisch und, richtig, er vergisst sie zu verschließen. Seine Banknachbarin bemerkte dies aber mit Argusaugen! "Jamie, BITTE drehe deine Flasche zu!" Jamie erschrickt. Und, richtig, er wirft dabei seine Flasche um. Ich eile zu ihm, helfe beim Aufwischen, grinse ihn an und sage: "Und täglich grüßt das Murmeltier." "Diese verflixte Flasche!" ...entgegnet Jamie. "Ich weiß. Aber weißt du was? Bildung ist ein Prozess. Wir lernen jeden Tag etwas Neues dazu. Und irgendwann wirst du den Trick mit der Flasche schon noch verinnerlichen." Und bis dahin heißt es nach dem täglichen Verschütten eben einfach weiter: Flasche zudrehen, aufwischen und weiter geht´s!

* Name geändert

Mittwoch, 27. Januar 2016

Picasso kann einpacken!

Wenn dich Kinderaugen anblicken, sagen sie: "Hilf mir, es selbst zu tun. Zeige mir, wie es geht. Tu es nicht für mich. Ich kann und will es allein tun."
In diesen Worten Maria Montessoris steckt soviel Wahrheit. Ihren Gehalt spürt man täglich. Kinder wollen. Kinder können. Kinder tun es.

Kunstunterricht. Die Klasse ist ruhig und voll freudiger Erwartung. Die Stunde eröffne ich mit einer kurzen Einführung und stelle folgende Frage: Wisst ihr, wie man es mit nur ganz wenigen Pinselstrichen schafft, ein Küken zu malen?" Die Klasse antwortet chorisch: "Zeig mal, Herr Klafki!" Ich berufe mich auf Picassos berühmteTierskizzen und zeichne mit wenigen Kreidestrichen:






"Seht her, ganz einfach! Strich hier, Strich da und fertig ist Küken Kunigunde." Die Kinder lachen und wollen auch sofort loslegen. "Ihr könnt das aber vieeeeel besser als Picasso, wenn ihr nur Farbe mit ins Spiel bringt! Überlegt euch ein Motiv. Es kann ein Vogel sein, ein Pferd, eine Blume...was immer ihr wollt...zeichnet mit Bleistift vor und dann füllt das Blatt mit Farbe. Zeigt es Picasso: Was der kann, könnt ihr schon lange!" Es bedurfte keiner weiteren Erklärung. Die Kinder waren voll in ihrem Element. Und die Ergebnisse sprechen eine klare Sprache: Wozu Kinder mit 6/7 Jahren bereits fähig sind, ist bemerkenswert, wunderbar. Picasso kann einpacken!















Freitag, 22. Januar 2016

Ich habe einen Plan.

Die Unterrichtsplanung ist für einen Grundschullehrer ein besonders spannendes Feld der Betätigung. So hat man zwar einerseits einen Plan entwickelt, was man wie den Kindern beibringen möchte...man darf dabei aber eine unvorhersehbare Komponente nie vergessen: die Kinder. So stand zwar heute Deutsch und Mathematik auf dem Stundenplan, für beides war aber nur wenig bis gar keine Zeit, weil Manni* ein Buch mit in die Schule brachte, in dem es um die Entstehung der Erde, der Tiere und des Menschen ging. Das ist spannend. Es beinhaltete tolle Bilder, die erklärt werden wollten. Natürlich hat mir Manni sein Buch gleich morgens stolz präsentiert und mir viele Fragen dazu gestellt: "Ist das ein Alien?" "Nein Manni, das könnte man zwar vermuten, aber es handelt sich um ein Insekt." "Und das hier?" "Manni, das ist ein Skelett eines Dinosauriers." "Und das?" ...es ging eine Weile weiter so und es bildete sich eine Traube voller begeisterter und interessierter Kinder um den Lehrertisch, die nun ihrerseits begannen, Fragen zu stellen. Der Deutschunterricht hatte längst begonnen. Pustekuchen. Und doch: Genau in solchen Momenten merkt man, wie wissbegierig Kinder sind. Und so haben heute alle gelernt, was der Unterschied zwischen Bakterien und Parasiten ist, warum die Dinosaurier ausgestorben sind, wieviele Menschen auf unserem Planeten leben und wieviele Nullen eine Milliarde hat. So etwas kann man nicht planen. Aber es ist ein Geschenk, in derart wissbegierige, begeisterte Kinderaugen schauen zu dürfen. Und für den Laut "sch" und die Festigung der Subtraktion ist ja auch noch am Montag Zeit. Ich kann das ja mal planen...

*Name geändert

Donnerstag, 14. Januar 2016

Berufswunsch: Wissenschaftler. Oder doch lieber Superstar?

Fragt man Kinder nach ihren Berufswünschen, so erhält man mitunter kreative Antworten. "Also ich möchte Wissenschaftler werden! Ich werde eine Maschine erfinden, mit der man in die Vergangenheit reisen kann, um alles, was man falsch gemacht hat, richtig zu machen!" Wow. Und das sicher vorgetragen von einem 6-jährigen Kind. Ich reagiere begeistert, lobe, entgegne aber: "Mensch, da hast Du Dir ja wirklich viel vorgenommen. Wunderbar! Dann ist also Mathematik eines deiner Lieblingsfächer, oder? Mathematik ist nämlich sehr wichtig, um so eine Art von Wissenschaftler zu werden. Toll, dass Dir Mathe so gut gefällt!" Das Kind entgegnet mir: "Weißt Du, ich habe zwei Gehirnhälften...eine ist für Deutsch, da ist wenig drin. Und eine ist für Mathe, da ist noch vieeeel weniger drin! Hm. Dann werde ich doch lieber Superstar und bezahle diejenigen, die Mathe können dafür, dass sie meine Maschine erfinden!"

Problem erkannt. Problem gelöst. So einfach ist das.

Montag, 11. Januar 2016

Liebe Eltern, geht mit euren Kindern am Wochenende raus - bitte!

In meiner Kindheit nutzten meine Freunde und ich die freie Zeit am Wochenende, um Weltbewegendes zu erleben: Dämme bauen, Wälder erkunden, den richtigen Stock für alles Mögliche finden, durch Pfützen springen, Kaulquappen fangen, Blätter sammeln, den längsten Regenwurm finden...und und und. Das hat nicht nur jede Menge Spaß gemacht und war gesund, weil wir an der frischen Luft waren, sondern hatte auch einen positiven Nebeneffekt: Durch das Austoben am Wochenende waren wir montags für unsere Lehrer halbwegs zu ertragen.
Frage ich heutzutage an Montagen Schüler, was sie am Wochenende alles erlebt haben, kommen überwiegend Antworten wie: Super Mario Maker gespielt, Nintendo gespielt, Tablet gespielt, Filme und/oder TV geschaut. Super. Ganz toll. Ausgezeichnet. "Wart ihr auch mal draußen?" Schweigen. Aber nicht lange. Denn durch das fehlende Austoben am Wochenende sind die Kinder vollkommen unausgelastet, unkonzentriert, unaufmerksam und hibbelig. Wie ein Hund, der zwei Tage nicht raus durfte. Wie ein Hamster im Rad - auf Amphetaminen. Und ohne Rad. Wie eine Katze, der man beim Fressen heimlich eine Gurke an die Seite legt. Da geht´s ab. Da geht´s rund.
Dabei ist die Lösung so einfach. Darum, liebe Eltern, geht mit euren Kindern raus. Sie werden es euch danken! Und ihre Lehrer auch. Vor allem montags. 

Freitag, 8. Januar 2016

Wenn der erste Schnee fällt...

Wenn der erste richtige Schnee fällt, gibt es bei Kindern kein Halten mehr - bei fast allen.

Nach zwei Stunden bangen Wartens und langweiliger Mathematik eröffne ich der Klasse, dass wir jetzt gemeinsam Frühstück essen und anschließend raus gehen. Nach abklingendem Jubel und einer kurzen Belehrung frühstücken wir. Merklich schneller als sonst sind alle fertig. Ich frage in die Klasse: "Frühstückt noch jemand?" Alle antworten chorisch: "N E E E E E I N!" Folglich ermahne ich die Kinder, dass wir erst raus gehen, wenn es muxmäuschenstill ist und alle Plätze sauber sind. Ruhe. Herrlich. Ich genieße die Stille für einen Augenblick, grinse in den Raum, erblicke sehnsuchtsvoll auf ein Zeichen wartende Kinder und rufe: "GOOO!" Die Hausschuhe fliegen in die Ecke, die Stiefel werden angezogen. Jacke an, Mütze auf, Handschuhe: check. Alle draußen. Fast alle. Beim Zählen der eifrig Schneemann bauenden Kinder fällt auf, dass jemand fehlt. "Wo ist Amy*?" frage ich in die Menge. Keiner hat Ohren, geschweige denn Zeit für mich. Ich gehe den Pausenhof ab, um sie zu suchen. Nichts. Dann erblicke ich ein kleines Köpfchen, dass aus der halb geschlossenen Eingangstür der Schule ragt. Weinend. Klagend. "Herr Klafki, wo bist Du?" Ich eile zu Amy. "Mensch, Amy, was ist denn mit Dir? Magst Du gar nicht raus kommen und mitspielen?" Nach Luft ringend antwortet sie: "Doch, aber auf einmal waren alle weg! Und du auch! Das geht doch so nicht." Ich lächle sie an, nehme sie an die Hand und gehe mit ihr zurück zur Garderobe. Sie ist barfuß. Ohne Jacke. Ohne Schneehose. Die liegt zwar schon bereit, aber das war alles viel zu aufwühlend, als dass man es hätte schaffen können, sie anzuziehen. Aber die Pudelmütze sitzt. Ein Traum in weiß und pink. Darauf kann man aufbauen. Schneehose an. Jacke an. Handschuhe. Los geht´s! Wer weiß, wie lange der Schnee liegen bleibt. Und überhaupt. Wenn der erste Schnee fällt, gibt es kein Halten mehr!

*Name geändert

Donnerstag, 7. Januar 2016

"Du, Herr Klafki"

Beim Blick in die Klasse fällt mir auf, dass ein Schüler etwas kränklich wirkt. Ich gehe zu ihm, beuge mich hinunter und flüstere: "Max*, Du siehst etwas krank aus. Geht es Dir gut?" Der Schüler blickt mich an, umarmt mich und führt aus: "Du, Herr Klafki, soll ich Dir mal etwas erzählen? Ich bin heiser, habe einen Pickel am Finger und meine Haut über dem linken Zeigefinger hat sich etwas gelöst...ich glaube, ich bin krank."

*Name geändert

Das erste Zeugnis.

"Liebe 1b, in vier Wochen bekommt ihr euer erstes Zeugnis! Weiß jemand, was ein Zeugnis ist?" Kevin Prince*: "Das ist was, wo so Sachen drauf stehen. Und wenn Papa beim Anblick des Dings, äh Zeugnis, lächelt, gibt es Geld."

Wo er recht hat, hat er recht.

*Name geändert

The Police war gestern. Heute singt man ATEMLOS

Deutsch-Unterricht 1. Klasse:
Wenn die halbe Klasse bei der Einführung des neuen Buchstabens D und dem Hinweis, dass man jetzt gemeinsam tolle Lieder singen kann, wie aus der Pistole geschossen, im Chor: "A T E M L O S durch die Nacht" grölt, weiß man, dass man als Lehrer ganz viel musikalische Aufbauarbeit leisten muss. Ach, was sage ich, ENTWICKLUNGSHILFE!

"Abgucken bringt ja wirklich nichts!"

Zitat eines Schülers nach zwei Minuten des 1. Mathetests und vorangegangenen, mehrfachen und deutlichen Hinweisen, dass Abschauen beim Nachbarn a, nichts bringt, weil es Gruppen gibt und b, zu einer vorzeitigen Abgabe samt Eintrag im Hausaufgabenheft führt: "Abgucken bringt ja wirklich nichts! Anna* hat ja wirklich gaaanz andere Aufgaben als ich!"

Ohne Worte.

*Name geändert

Manni lädt noch.

Nach der morgendlichen Begrüßung stelle ich der Klasse eine Frage zum gestrigen Stoff.
Manni* meldet sich. "Manni*, ja?"
"Also, ähm, ich weiß die Antwort, also, ähm..." (5 Sekunden vergehen)
Daraufhin konstatiert ein Mitschüler trocken: "Herr Klafki, Manni lädt noch."

Den kannte ich noch nicht.

*Name geändert