Mittwoch, 24. Februar 2016

Mathematik oder Lego bauen?

Pausenaufsicht. Das Wetter ist schlecht und so verteilen sich die Kinder der Grundschule auf ihre Klassenräume und den Hortbereich. Ich widme mich Letzterem, betrete den Saal und erblicke fünf eifrig konstruierende Lego-Ingenieure um einen großen Spieltisch vereint. Kinder lieben Lego. Und aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, dass das bei so manch Erwachsenem nicht anders ist. Taucht man einmal ein in die Welt der kleinen Steine, spielt man nicht nur, man erschafft Weltbewegendes. Raumgleiter, Häuser, Wehranlagen, Autos, Schiffe, Portale und, und, und. Mich packt die Baulust und so setze ich mich neben die Kids. Ich verhalte mich erst einmal still und lausche den Expertengesprächen sowie dem meditativ anmutenden Rascheln der Legosteine durch gezielt suchende Kinderhände. Manni* blickt in die Runde: "Ich suche einen schwarzen Vierer für meinen Düsenantrieb! Hat einer von euch einen für mich?" Max* entgegnet: "Such mal in der Kiste, ich habe keinen, nur Sechser." Ich fühle mich sofort an meine Kindheit zurückerinnert. Ein Traum. Auch ich fange an zu bauen. Ein Raumgleiter soll es werden. Grundlage bildet ein 2x4 großer Stein. "Manni, schau mal, ich hab hier einen Legostein. Hat der einen Namen?" "Na klar, Herr Klafki. Das ist ein Achter!" Herrlich. Wie früher. "Wenn ich einen halb so großen Stein haben möchte, welchen brauche ich dann?" Wie aus der Pistole geschossen antwortet Manni: "Einen Vierer! Ist doch ganz klar!" Ich bin begeistert. "Manni, klasse. Was ist also 8-4?" Manni schaut mich verdutst an und zählt mit den Fingern ab. Erst acht, dann zieht er langsam vier wieder ab. Unsicher antwortet er: "Vier?" Ich kann mir ein Lächeln nicht verkneifen und sage: "Na klar, Manni. Das hast du doch eben schon ausgerechnet, nur mit Legosteinen." "Ja eben! Da ging es um Legosteine!" Ich schaue ihn aufmunternd an und sage: "Richtig. Mein Fehler." Wir bauen weiter. Oles* Auto nimmt Formen an, Jakobs* Haus bekommt Fenster und auch mein Raumgleiter nimmt Gestalt an. "Cool, Herr Klafki! Dürfen wir damit dann auch spielen, wenn du fertig bist?" "Na klar dürft ihr. Verratet mir nur noch eins: wenn ich einen Zweier habe und an den noch zwei Zweier daran baue, was habe ich dann?" Die Kinder schauen mich verwundert an. Jakob konstatiert: "Herr Klafki, nimm doch nicht 3 Zweier, die sind eh so selten. Nimm doch gleich einen Sechser! Davon sind noch ganz viele da." Einsichtig gebe ich Jakob recht, vollende meinen Gleiter und überlasse ihn den Kindern zum Spielen.

* Namen geändert

Montag, 22. Februar 2016

Experiment geglückt - Lehrer baff.

Kunstunterricht. Ich wage ein Experiment: Ohne jegliche Aufgabenstellung stelle ich eine große Kiste mit Buntpapierschnipseln vor die Tafel. "Meine Lieben, ich gebe Euch jetzt eine Stunde Zeit. Seid kreativ. Ihr könnt machen, wozu ihr Lust habt. Kommt ruhig nach vorne und sucht euch etwas aus. Mehr möchte ich euch nicht sagen." Die Kinder machen große Augen. Dazu sind sie natürlich sehr interessiert am Inhalt der Kiste. Kisten sind immer gut. Da ist was drin. Das muss da raus. Die Schüler kommen nach vorne und bedienen sich. Gut so. Zur Untermalung der Stunde lasse ich ein Hörspiel laufen. Auch dazu sage ich nichts weiter. Mein Ziel ist es abzuwarten und zu beobachten.
Die Kinder beginnen mit der Arbeit. Alle. Ohne Ausnahme. Jeder hat sein eigenes, ganz persönliches Ziel. Niemand redet. Alle lauschen der Geschichte und arbeiten konzentriert. Manche bauen das Hörspiel in ihre Arbeiten ein, einige machen etwas anderes. Aber alle Kinder haben eines gemeinsam: den absoluten Fokus auf ihr Tun. Sie beachten mich gar nicht. Abgetaucht in ihre kleinen, wundervollen Welten voller Schnipsel, die ein Meer darstellen, ein Schiff, Legofiguren, Planeten, Formen oder Abstraktionen entstehen Arbeiten, die mehr sind als ein erreichtes Ziel. Vielmehr sind sie ein Hinweis. "Schenke uns Vertrauen. Erkenne, dass wir etwas Erreichen können. Schau her, was wir alles können." Das hat kein Kind gesagt. Aber man konnte es in ihren Augen lesen. Kinder brauchen Freiraum. Kinder sind kreativ. Wir sollten ihnen viel häufiger Zeit für ihre eigenen Gedankenspiele geben. Ein paar wenige Schnipsel reichen. Oder ein weißes Blatt Papier. Der Rest entsteht von ganz alleine. Und das muss ihnen niemand erklären. Experiment geglückt, Lehrer baff.


Samstag, 20. Februar 2016

Der Bock. Das zum Gerät gewordene Unheil.

Jeder, der sich an seine eigene Schulzeit zurückerinnert, weiß, dass es im Sportunterricht diesen einen besonders fiesen Gegner gab: den Bock. Kein anderes Sportgerät sorgte für mehr Angstschweiß und besorgte Gesichter. Der Bock. Besonders hinterhältig war die Tatsache, dass man beim Beobachten des Scheiterns seiner Mitschüler am Gerät zwar einerseits herzlich und teilweise auch voller Spott lachte, dann aber selbst hilflos genau jenem Spott ausgesetzt war, wenn man selbst zum Anlauf ansetzte. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Der Bock - ein scheinbar nicht zu bezwingender Hühne. Ein schmerzvoller Begleiter in jeder Turneinheit. Das zum Gerät gewordene Unheil.
Schon bei der Begrüßung fragen mich die Kinder, was das denn für ein komisches Ding da in der Turnhalle ist. Wozu kann das nur gut sein? "Das ist ein Bock, liebe 1b. Und über einen Bock springt man. Mit Anlauf." Ich führe die Klasse an das Sportgerät heran, turne vor, zeige, wie man das Sprungbrett richtig nutzt, sich am Bock festhält, den Schwung mitnimmt, über das Gerät kommt und anschließend sicher und sauber landet. Easy. Ganz einfach. Die Kinder staunen. "Das schaffen wir nieeeeemals!" "Doch. Das schafft ihr. In die Hände gespuckt, Kopf hoch, Brust raus und los geht´s!"
Bjarne* ist als erster an der Reihe. Ich erkenne bereits aus der Ferne seinen sorgenvollen Blick. Aber er ist hochmotiviert und rennt los. In der Halle herrscht gespennstische Ruhe. Alle Augen sind auf Bjarne gerichtet. Zur Sicherheit stehe ich neben dem Bock und bin auf alles gefasst. Jedenfalls denke ich das. Bjarne hat mächtig Tempo drauf. Er will es wissen. Leider springt er nicht auf dem Sprungbrett ab sondern davor. Suboptimal. Mit voller Wucht springt er so nicht über sondern gegen den Bock. Diesen umarmend, schaut er mich an. "Das tat weh, Herr Klafki." "Das glaube ich dir, mein Lieber." Ich löse die Umarmung zwischen Bock und Bjarne und streichel ihn aufmunternd über den Kopf und meine: "Das ging mir beim 1. Mal genauso. Alles gut. Beim nächsten Mal wird es besser!" "Ich schaffe das!" Motivationsbiene für Bjarne.
Als nächstes ist Susi* dran. Sie stürmt heran, springt richtig ab und landet sicher auf dem Bock. Hervorragend. Darauf kann man aufbauen. Susi ist zufrieden und ich bin es auch. Jetzt Jamie-Lee Müller*. Angst kennt der nicht. Auch er will es wissen. Auch er stürmt los und springt richtig ab. Aufgrund seiner Schwungmasse schießt er jedoch über das Ziel hinaus und fliegt über den Bock. Er landet liegend. Aber er hat es geschafft. Mit Schmackes. Ich helfe ihm hoch, klatsche mit ihm ab und sage: "Du hast den Bock bezwungen! Das ist das Wichtigste. An der Landung arbeiten wir noch. Aber: top Leistung!" In der Folge schafft es kein weiterer Schüler über den Bock. Die meisten landen aber sicher auf ihm. Das lasse ich gelten. Das finde ich gut. Als Letzter ist Felix* dran. Er nimmt Anlauf und visiert das Sprungbrett an. Übermotiviert springt er jedoch nicht auf das Brett sondern dahinter. DAHINTER. Das muss ihm erstmal einer nach machen. Er rutscht aus und landet schließlich unter dem Bock. UNTER DEM BOCK. Auch das halte ich für einzigartig. "Felix? Alles gut?" "Ja, Herr Klafki. Aber wie ist das denn bitte passiert?" "Pass auf, Felix: Beim nächsten Mal achtest Du einfach darauf, dass Du AUF dem Sprungbrett landest und nicht dahinter, ok?" "Ok, Herr Klafki. Darf ich gleich nochmal?" Wow. Was für ein Wille. So bezwingt man das zum Gerät gewordene Unheil. Ganz sicher. Irgendwann.

*Namen geändert


Donnerstag, 18. Februar 2016

Flasche zudrehen, aufwischen und weiter geht´s!

 Jamie* mag Zitronenlimonade. Lecker. Jeden Tag bringt er eine Flasche davon mit in die Schule und trinkt sie genüsslich. Nun gehöre ich nicht zu den Lehrern, die ihren Schülern das Trinken während des Unterrichts verbieten. Weil das, offen gesagt, quatsch ist. Wenn man Durst hat, mag man etwas trinken. Da kann man nichts dagegen haben. Jamie ist nun aber ein wahrer Experte in Sachen: Lecker...trinken...Flasche hinstellen...und vergessen, den Deckel wieder zuzudrehen. Jedes Mal. Ich fühle mit ihm. Es gibt ja auch immer wieder etwas Neues zu erleben. So setzt er zum Trinken an und auf einmal heißt es: "Schlagt bitte eure Fibeln auf." ...oder: "Jamie, kannst du mir deinen Spitzer leihen?" ...oder: "Was ergibt 6 plus 4?" Und zack. Eine unachtsame Bewegung und die Flasche liegt. Meistens ist sie dabei nicht leer. "Herr Klafki, es ist schon wieder passiert!" "Jamie, meine Hochachtung, wenn es eine Sportart geben würde, bei der man versucht, unabsichtlich und so oft es nur geht, seine Flasche aus Versehen umzustoßen, dann wärst du in dieser Disziplin der beste Athlet der Welt! Na komm, Flasche zudrehen, aufwischen und weiter geht´s!" Gestern habe ich seine Banknachbarin gebeten mit darauf zu achten, dass Jamie nach dem Trinken seine Flasche wieder zudreht. Und heute? Jamie gönnt sich ein Schlückchen. Er stellt die Flasche anschließend auf seinen Tisch und, richtig, er vergisst sie zu verschließen. Seine Banknachbarin bemerkte dies aber mit Argusaugen! "Jamie, BITTE drehe deine Flasche zu!" Jamie erschrickt. Und, richtig, er wirft dabei seine Flasche um. Ich eile zu ihm, helfe beim Aufwischen, grinse ihn an und sage: "Und täglich grüßt das Murmeltier." "Diese verflixte Flasche!" ...entgegnet Jamie. "Ich weiß. Aber weißt du was? Bildung ist ein Prozess. Wir lernen jeden Tag etwas Neues dazu. Und irgendwann wirst du den Trick mit der Flasche schon noch verinnerlichen." Und bis dahin heißt es nach dem täglichen Verschütten eben einfach weiter: Flasche zudrehen, aufwischen und weiter geht´s!

* Name geändert