Mittwoch, 2. März 2016

Ein Mann als Grundschullehrer?

Schubladen sind etwas Feines. Man kann darin ganz viel verstauen, einsortieren, in Kategorien ordnen. Das mag der Mensch. Das macht er gerne. Berufe teilt man zum Beispiel in jene, die primär für Frauen und andere, die für Männer geeignet sind. Schwupps, Deckel drauf. Das passt schon so. Ein Mechaniker muss ein Mann sein, eine Krankenschwester eine Frau - das sagen schon die gängigen Berufsbezeichnungen. Schlage ich ein Buch zur Unterrichtsgestaltung auf, so stehen da Sätze wie: "Die Lehrerin liest nun die Geschichte vor." Aha. Und ich? Ich bin ein Mann. Da bin ich mir sicher. Und ich bin Grundschullehrer. Für mein Empfinden sollten viel mehr Männer an Grundschulen unterrichten. Nicht, weil Männer Kinder als Gitarre nutzen, sie hochheben und durchkrabbeln können. Nicht, weil Männer auch tiefste Stimmen beim Vorlesen imitieren können. Sondern, weil es das Normalste der Welt ist. Ein Mann als Grundschullehrer? Natürlich. Selbstverständlich. Ich verstehe die Frage nicht. Gern geschehen.
Aber ich gebe zu, den kleinen Max* wie eine Gitarre zu halten und auf seinem Bauch, krabbelnd, Led Zeppelins "Stairway to heaven" nachzuspielen...ist ein Highlight!

*Name geändert

Dienstag, 1. März 2016

"Wir werden alle älter."

Sachkundeunterricht. Das Thema lautet "Zukunft" und baut auf die vorangegangenen Kunst- und Werkeneinheiten auf. Dort sollten die Kinder zu Beginn die Augen schließen und sich vorstellen, wie sie die Zukunft sehen. Das, was sie zuerst vor ihren inneren Augen sahen, galt es mit Tusche aufs Papier zu bringen. Das hat wunderbar geklappt. Daran wurde angeknüpft: "Jeder nimmt bitte sein gezeichnetes Bild zur Hand und erklärt es seinem Banknachbar. Verratet ihnen, wie ihr die Zukunft seht. Der Partner hört aufmerksam zu. Anschließend tauscht ihr die Rollen. Am Ende berichtet jeder von euch, wie nicht ihr selbst, sondern euer Nachbar die Zukunft sieht." Ich warte einige Zeit, damit die Kinder die Aufgabenstellung verinnerlichen können und füge anschließend hinzu: "Gibt es Fragen?" Stille. "Ausgezeichnet. Nun steckt eure Köpfe zusammen und tauscht euch aus." Vier von sieben Paare nehmen meine Aufforderung in der Folge wortwörtlich und stecken tatsächlich ihre Köpfe zusammen. Das kann man so machen, muss man aber nicht. Die Kinder tauschen sich aus. Von außen betrachtet, sieht das hervorragend aus. Nach 10 Minuten Partnerarbeit unterbreche ich: "So, nun wollen wir mal sehen, was eure Banknachbarn für Vorstellungen von der Zukunft haben. Wer möchte denn beginnen?" Nahezu alle Kinder melden sich. Ein Länderspiel. "Thommy*, fang du doch mal an. Wie sieht die Zukunft in den Augen deiner Nachbarin aus?" Thommy schaut mich mit großen Augen an. "Ähm, das weiß ich nicht." "Hat dir denn Annalena* nichts gesagt?" Annalena interveniert postwendend: "Doch Herr Klafki, ich habe Thommy alles erzählt!" "Das stimmt. Sie hat mir alles gesagt." bestätigt mir Thommy. "Und warum sagst du dann nichts dazu?" frage ich ihn. Thommy entgegnet: "Weil ich es vergessen habe." "Thommy, ehrlich bist du, das muss man dir lassen. Aber warum meldest du dich dann, obwohl du gar nicht mehr weißt, was Annalena zu dir gesagt hat?" "Na weil ich dir erzählen wollte, wie ich meine Zukunft sehe, Herr Klafki!" "Das möchte ich aber von Annalena wissen, mein Lieber. Annalena, weißt du denn noch, wie Thommy die Zukunft sieht?" "Ja, Herr Klafki, Thommy hat gesagt, dass in der Zukunft die Tage heller sind. Wegen der Sonne. Die wächst nämlich. Roboter gibt es dann, die uns helfen. Und er hat gesagt, dass wir alle älter werden, weil, wenn wir uns zum Beispiel den Arm brechen, dann bekommen wir einen Roboterarm. Genau. Das hat er alles gesagt." Ich bin baff. Zum einen, weil Annalena uns jede Einzelheit aus den Vorstellungen Thommys berichten konnte und zum anderen, weil Thommy ein sehr reales, vorstellbares und logisches Verständnis von Zukunft hat - mit 6 Jahren. Beide bekommen einen Stempel mit drei Sternen von mir. Und die Sache mit dem Verstehen der Aufgabenstellung üben wir noch etwas. Die Zeit nehmen wir uns. Wir werden ja schließlich alle älter.

* Namen geändert