Dienstag, 26. April 2016

Der Klassenhut

Deutschunterricht. Neue Woche, neues Glück. Thema diese Woche: das H. Zur Einführung in den Laut brauche ich einen Freiwilligen. Alle Hände oben. So muss das sein. Ich platziere Justin* an einem Einzeltisch und verbinde ihm die Augen. Den anderen Kids zeige ich nun einen Gegenstand, den ich aus einer Kiste hole...es ist ein Hammer. Diesen platziere ich auf Justins Tisch. Er soll den Gegenstand ertasten und so erraten, was er da in den Händen hält. Er fühlt. Er greift. Er vermutet: "Ist das eine Luftpumpe?" Alle lachen. Justin lacht mit. Ich antworte: "Sehr kreativ, lieber Justin, aber eine Luftpumpe ist es nicht. Fühle weiter. Beschreibe einfach, was du fühlst." "Also, das ist hart." "Super Justin, das ist richtig. Fühlst du noch mehr?" Justin ist voll konzentriert. "Ja, ist da ein Griff? Und was Spitzes?" "Ja, das kann man so sagen." "Ist das ein Hammer?" Die ganze Klasse im Chor: "JAAAAAAAAAAAAA!" Ein Länderspiel. "Wer möchte das Wort Hammer mit Hilfe an die Tafel schreiben?" Alle Hände oben. Tafel und Hilfe...das sind Signalwörter. Da will jeder ran. "Lisa*, los geht´s!" Das klappt prima. So, neuer Gegenstand. "Wer will nochmal?" Natürlich: alle Hände oben. "Jamie*, komm du doch bitte nach vorne." Ein Zischen und zack, er sitzt. Die anderen Kinder leiden schon fast. "Wir wollen auch!" Dürfen sie. Einer nach dem anderen. Jamies Augen werden verbunden und der neue Gegenstand wird der Klasse gezeigt. Ein Handtuch. Jamie tastet. Er stellt sofort klar: "Das ist weich. Und aus Stoff" "Klasse Jamie, völlig richtig." Er knetet das Handtuch richtig durch. Jetzt geben die anderen Kinder Tipps: "Jamie, das nutzt die Mama im Urlaub, um sich ihren Platz am Strand zu sichern." Ich lache mich schlapp. "Sehr guter Hinweis, Chantalle*." "Ja, und manchmal steht dein Name drauf." Was bitte sind das für kreative Hinweise? Jamie erkundet blind weiter. "Ich hab´s! Ein Handtuch!" Alle jubeln. Manni darf das Wort Handtuch an die Tafel schreiben. Natürlich mit Hilfe. Das kriegen wir hin. "Wer möchte nun raten?" "Iiiiiiiiiiiiiiiich!" Im Chor. "Amy, du bist dran." Amy grinst wie verrückt und rennt nach vorne. Augen verbinden und los geht´s. Ich zaubere einen Hut aus der Kiste. Es ist ein Hut im 20er Jahre Stil. Amy tastet sich langsam vor. Ziemlich schnell errät sie den richtigen Begriff. "Das ist ein Hut!" Alle wollen in der Folge diesen Hut aufsetzen. Ich schlage eine Abmachung vor: "Vorschlag, liebe 1b: Ab heute darf das Kind, welches am besten mitgearbeitet hat, sich brav verhalten oder es sich anderweitig besonders verdient hat, diesen Hut für einen Tag mit nach Hause nehmen. Was haltet ihr davon?" Und alle: "JAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA!!!!!" Der weitere Tag verlief ohne Zwischenfälle. Alle haben fleißig mitgearbeitet. Alle waren brav. Aber ein Kind hatte dieses ganz besondere Glänzen in den Augen, wenn es um den Hut ging. Und so durfte Amy den Hut mit nach Hause nehmen. "Keine Sorge, liebe Kinder, morgen ist jemand anderes dran. Mal sehen wer es wird!" Ich bin gespannt auf morgen. Und ich freue mich auf eine lernwillige, ruhige und Hut-mit-nach-Hause-nehmen wollende Klasse.

* Namen geändert

Dienstag, 12. April 2016

Tic Tac Toe einmal anders

Tic Tac Toe kennt jeder. Kreis, Kreuz, Kreis, Kreuz, Kreis...bis (hoffentlich) drei gleiche Zeichen in einer Zeile, Spalte oder Diagonale gesetzt sind. Easy. Der Spaßfaktor geht aber gegen unendlich, wenn man dieses Spiel in die Turnhalle verlagert und daraus ein Denk- vs. Geschwindigkeitsspiel macht. Ganz einfach: Neun Reifen auf dem Hallenboden platziert, Kreuz und Kreis werden zu blauen und roten Bällen, zwei Teams, 20 Meter Sprintstrecke zum Spiel und zack, läuft.


Der Erste rennt im Affenzahn zum Spiel, bleibt stehen...überlegt...überlegt weiter...und weiter...und legt ab...dann wieder in Höchstgeschwindigkeit zur Mannschaft, abklatschen, weiter geht´s. Ein Traum. Und das Beste daran: die Teammitglieder schreien unterstützend: "GÜNNIIIIIII*, hinten...H I N T E N!" Oder "Manni*...IN DIE MITTEEEEEEEE!!!" Es ist einfach zauberhaft. Alle für einen. Da ist es schon fast traurig, den Kindern mitzuteilen, dass die Sportstunde schon wieder um ist, so schnell vergeht die Zeit. "Du, Herr Klafki, können wir das beim nächsten Mal wieder machen? BITTE!" Mit den Augen zwinkernd und grinsend erwiedere ich: "Ich überlege es mir." Dabei steht die Antwort längst fest...

*Namen geändert

Mittwoch, 6. April 2016

Wie aus Streithähnen Freunde werden.

Josef* und Günni* können sich eigentlich nicht riechen. Ständig kracht es zwischen den beiden. Mal nervt der eine den anderen, mal ist es umgekehrt. Ein wahrhaftiger Grund der gegenseitigen Abneigung ist nicht auszumachen. Ich habe mir das eine Weile lang angeschaut und nach Lösungen gesucht. Gut eignet sich hierfür das Beobachten in Phasen des freien Spiels, die ich immer wieder einbaue, damit die Kinder abschalten können. Es sind ja schließlich Kinder. Besonders beliebt ist in diesen Phasen das Spielen mit Lego auf unserem Spielteppich. Josef und Günni waren heute Vormittag nahezu zeitgleich fertig mit der Tagesaufgabe. Als Belohnung durften sie sich die große Legokiste auf den Teppich stellen und spielen. Es dauerte nicht lange und Günni brauchte genau diesen einen Stein, den sich Josef soeben aus der Kiste pickte. "Ey, den brauche ich aber!" "Pech gehabt, ich war schneller!" Eieiei. Glücklicherweise hatte ich in den Pausen der vergangenen Tage selbst an einem Lego-Weltraumgleiter gebaut. Meine Passion. Weltraumgleiter. Da konnte mir schon in meiner Kindheit keiner was. Das war mein Ding. Ich stellte den Gleiter zwischen die beiden Kinder und erlaubte ihnen, dass sie ihn umbauen können: "Gemeinsam." Das klappte. Und wie. Völlig in sich gekehrt, und doch partnerschaftlich, suchten beide Streithähne nach Optimierungsmöglichkeiten für meinen Raumgleiter. Nach 20 Minuten war ich nicht nur eines Besseren belehrt, was meine Ingenieursfertigkeiten anbelangt. Es folgte zudem eine Demonstration in Sachen "Eigentlich bist du ja gar nicht so doof, wie ich dachte.": Günni fand Josefs Ideen toll und umgekehrt. Sie machten gemeinsame Sache und aus meinem schnöden Raumgleiter wurde ein "Helikopter, der sich durch Portale katapultieren kann und dabei auch noch Platz für ganz viele Zeitreisende hat!" Der Wahnsinn. Zum Mittag gingen Günni und Josef gemeinsam. Händchen haltend. Beim Essen saßen sie nebeneinander und bei der anschließenden Hofpause tobten sie zusammen über den Schulhof. Mehr geht nicht. Selbstverständlich nehme ich aber die Herausforderung an: Morgen bleibe ich länger, schließe mich ein und baue den fantastischsten Weltraumgleiter, den die Welt jemals gesehen hat! Und wenn nicht, dann hilft er vielleicht wieder bei der Befriedung zweier Streithähne. Das würde mir vollkommen reichen.

*Namen geändert