Freitag, 20. Mai 2016

Brima Tschässigah, eenfach glasse!

Deutschunterricht. Als Lehrer steht man oft vor der Herausforderung, Kinder dort abzuholen, wo sie gerade sind. In ihrer Welt. Es macht wenig Sinn, vor jungen Menschen über die Notwendigkeit der korrekten Nutzung von Artikeln und Nomen zu referieren und dabei zu hoffen, dass sie einem dabei bis zum Ende der Stunde aufmerksam folgen. Das läuft einfach nicht. Da schalten sie auf Durchzug. Und da beißt die Maus auch keinen Faden ab. Man kann ihnen das nicht einmal verübeln. Ich nutze in solchen Momenten gerne die menschliche Hand als Werkzeug und Methode zugleich. Eine Hand hat jeder. Die ist meine. Die gehört mir. Als Einstieg sollen die Kinder, in partnerschaftlicher Zusammenarbeit, ihre eigene Hand auf ein Blatt Papier legen und diese mit einem Stift umranden. Und der Sachse würde sich freuen: nu eiferbibbsch, das is ja meene Hand uffn Babier! Und meinen Schülern geht es fast genauso, nur auf Hochdeutsch. Da ist etwas von mir. Das ist meine. In die Nagelfläche der Finger lasse ich in der Folge die Artikel der, die und das notieren und die beiden liebsten wiederholen. Fünf Artikel. Das reicht für´s Erste. Anschließend wird die Fläche in den Fingern dafür genutzt, um passende Nomen darin zu platzieren. "Heißt es die Haus oder das Haus?" "DAAAS Haus, Herr Klafki!" Auch das läuft wie ein Länderspiel. Einige Schüler brauchen bei der Nomensfindung gar keine Hilfe, anderen steht man mit Rat und Tat, sowie stets lobend, zur Seite. Nach wenigen Minuten präsentieren mir die Kinder ihre mit passenden Nomen gefüllten Hände. Ich bin begeistert. Weltklasse. Ich komme aus dem Loben gar nicht mehr heraus. Selbst Manni* lobe ich für seine Hand. Die hat er zwar ausgeschnitten, obwohl er das nicht tun sollte, weil die Blätter gelocht waren und in den Deutschhefter abgelegt werden sollten. Aber Manni ist beim Ausschneiden sonst nicht der Genaueste. Seine Hand jedoch, die hat er fehlerfrei und fein säuberlich ausgeschnitten. "Manni, das hast du klasse gemacht!" Und da sind wir beim zweiten Werkzeug: Kinder wollen gelobt werden. Auch, wenn sie mitunter knapp an der Aufgabenstellung vorbeigeschrammt sind. Egal. Durch Lob bekommen Kinder Rückkopplung. Die brauchen sie und dadurch nehmen sie auch etwas mit. "Brima Tschässigah*, eenfach glasse!" ...würde der Sachse sagen.


* Namen geändert

Freitag, 13. Mai 2016

"Sportlehrer, man, hast du es gut!"

Sportunterricht. Im Allgemeinen kann man vermuten, dass es Sportlehrer ganz einfach haben: kaum Vor- und Nachbereitung, keine ewigen Klausurkontrollen, Bewegung...eine rundum entspannte und zugleich gesunde Sache. Nur fehlt bei dieser Betrachtungsweise die chaotische Komponente: die Kinder. Eine Turnhalle ist groß. Da kann viel passieren. Und es passiert. Nicht immer ist das etwas Gutes. Laut ist es dabei immer. Das ist nicht zu verhindern. Und das wäre auch nicht im Sinne des Erfinders.
Justin* ist ein Leichtgewicht. Er flitzt beinahe die Kletterstange hoch. Oben angekommen, wagt er einen Blick nach unten und stellt erschrocken fest, dass die gewonnene Höhe durchaus angsteinflösender Natur ist. Er lässt vor Schreck die Stange los und fällt aus gut drei Metern in die Tiefe. Ich kann ihn auffangen und Schlimmeres verhindern. Fast zeitgleich spielt Manni* mit Emilia* Fangen um das Tor auf der anderen Hallenseite. Und schwupps, Manni verfängt sich im Netz und stürzt. Das kann er gut. Das macht er gerne. Ole* läuft indes aus Versehen rückwärts über Chantals* Füße, die gerade ihre Schuhe für das Klettern an der Stange ausziehen wollte. Aua. Das tut natürlich weh. Aber: immer positiv bleiben. Trösten. Aufmuntern. Anspornen. Weiter geht´s.
Was ich über den Sportunterricht mit kleinen Klassen gelernt habe: Rennen, Klettern und Spiele mögen alle Kinder. Musik sowieso. Und das kann man nutzen:
Zur Erwärmung lasse ich in der Halle gerne laut Musik laufen. Da fetzen alle los. Da gibt es kein Halten mehr. Einige rennen zwar ruhig und zielstrebig ihre Runden, die meisten Kinder toben aber wild tanzend durch die Halle. Das kann man so machen. Hauptsache Bewegung. Anschließend folgt in der Regel eine Übung. Aber Obacht: nicht zu lange, sonst läuft man Gefahr, dass man seine Stimme verliert, weil man quer durch die Halle rufen muss. Da freuen sich die Stimmbänder. Den Abschluss bildet eine Spielform. Am Anfang des Schuljahres war "Tiger im Zoo" DAS Spiel. Dabei legt man zwei Fänger fest, die sich an einem Hallenende im Tor positionieren und "gaaaaanz zahme Tiger sind, die gestreichelt werden wollen." Die restlichen Kinder streicheln die Tiger und mimen das Fotografieren der Tiere nach. Safarifeeling pur. Und dann: "ACHTUNG, DIE TIGER SIND LOS!" Und zack, die Tiere werden wild und fangen nun die anderen Kinder quer durch die Halle. Wer berührt wird, wird nun selbst zum Tiger und das Spiel beginnt von vorne. In der Grundschule ist das ein Selbstläufer.
Mittlerweile hat sich ein anderes Spiel die Pole Position erobert: der Sprungkreis. Hierfür stellt man sich in die Mitte eines aus Kindern bestehenden Kreises und hat ein Seil mit einem Gummiring am Ende in der Hand und schwingt dieses im Kreis über den Boden. Die Kinder müssen im richtigen Moment springen, um so dem Ring auszuweichen. Paart man dieses Spiel mit Musik, so wechselt sich Tanz und Sprung ab. Die nachfolgenden Unterrichtsstunden verlaufen in der Folge garantiert diszipliniert und ruhig, weil die Kinder völlig aus der Puste sind. Uneingeschränkte Empfehlung für unausgelastete Kinder. Beschleunigter Zuwachs an grauen Haaren und angeschlagene Stimmbänder bleiben aber meist dennoch nicht aus, weil bei der Übung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit dann doch wieder etwas passiert. "Sportlehrer, man, hast du es gut!"
Ja, das habe ich wirklich. Es ist eben alles eine Frage der Methode sowie der nötigen Gelassenheit. Und belastbarer Stimmbänder.

* Name geändert


Donnerstag, 12. Mai 2016

Herr Klafki und seine Geheimnisse.

Mathematikunterricht. Ich habe der Klasse eine Stillarbeitsphase verordnet und bei gelungener Durchführung sowie korrekter Lösung der Aufgaben einen Belohnungsstempel in Aussicht gestellt. Das zieht immer. Es ist ruhig und alle arbeiten konzentriert. Alle, bis auf Max*, der seinen Kopf auf dem Mathematikbuch abgelegt hat und leise vor sich hin summt. Ich beuge mich zu ihm herunter und erkundige mich: "Max, ist alles in Ordnung bei dir? Kann ich dir helfen?" Max richtet sich auf und schaut mich mit großen Augen an. Dabei hat er seinen linken Zeigefinger in der Nase und bohrt kräftig. Er zieht anschließend einen langen, wabbeligen Popel aus der Nase, betrachtet ihn stolz, grinst und lässt ihn genüsslich in seinem Mund verschwinden. Ich sitze dabei keinen Meter von ihm entfernt, richte mich mit grinsend-ekelverzerrtem Gesicht auf und sage: "Eieiei Max. Wenn du damit fertig bist, helfe ich dir gerne weiter." Max´ Banknachbarin, die von Max´ Snack nichts mitbekam, erkundigt sich bei ihm: "Was hat Herr Klafki?" Max erwiedert eloquent: "Weißt du, Herr Klafki redet nicht gerne über seine Geheimnisse."
Na da. Die Aufgabe hat Max dann noch rechtzeitig lösen können. Und als Belohnung gab es auch einen Stempel von mir. Ganz offen. Ohne Geheimnisse.

* Name geändert