Dienstag, 21. März 2017

"Lernen ist ein eigenaktiver Vorgang."

"Lernen ist ein eigenaktiver Vorgang." Ich liebe diesen Satz.

Mathematik-Unterricht. Unser Tagesplan sieht vor, dass wir eine bestimmte Buchseite mit vier Aufgaben schaffen. Puh. Das ist viel. Aber schaffbar. Zu Beginn der Stunde lasse ich die Kids erst einmal schön die Schultern kreisen. Dazu werden die Hände gelockert. Das ist bei uns ein Ritual und bedeutet: "Heute brauchen wir Konzentration, Ausdauer und vor allen Dingen: die Schreibhefte." Das läuft. Ich kreise und lockere mich selbstverständlich mit. Nachdem anschließend alle die korrekte Buchseite offen vor sich liegen haben, darf ein Freiwilliger Aufgabe Eins vorlesen. "Bjarne*, los geht´s!" "Welcher Wochentag war gestern? Welcher Tag ist morgen?" "Prima Bjarne, dankeschön. Jetzt sprecht mit euren Banknachbarn über die Aufgabe. Wer weiß, wie die Lösung lautet, meldet sich." Emsiges diskutieren. Ich lausche. Ein Traum. Max* erklärt Manni*, dass heute Mittwoch sei und demzufolge morgen Donnerstag ist. Nur leider ist heute Dienstag und nicht Mittwoch. Da Manni aber ein Fuchs ist, holt er sein Hausaufgabenheft hervor. "Warte, ich schau mal im Hausaufgabenheft nach. Da stehen doch die Wochentage drin. Gestern gab es Sterne, heute noch nicht. Der erste Tag, wo noch nichts steht, ist heute. Und morgen der Tag danach. Und gestern war der Tag, wo Herr Klafki uns schon Sterne gegeben hat!" Was für eine Problemlösungsstrategie. Das kann man so machen. "Hier, schau, gestern war Montag, da gab es schon Sterne, heute ist Dienstag. Da steht noch nichts. Und morgen ist dann Mittwoch. Kapiert?" Max schaut Manni mit großen Augen an. Das ging ihm wohl etwas zu schnell. "Das stimmt! Los, melde dich mit!" Und tatsächlich, beide Jungs melden sich. Und sie haben natürlich recht. Manni hat recht. Aber Max ist auch stolz. Womöglich, weil er augenscheinlich im richtigen Team war. Ich lobe beide Schüler und zwinker Manni anschließend zu. "Du, Manni, bitte erkläre Max deine tolle Idee bitte noch einmal ganz entspannt." Max grinst. Und er versteht es. Das Prinzip hatte er ja längst drauf. "Wunderbar, wir fassen also zusammen. Wer mag an die Tafel?" Alle Hände oben. "Chantal*, komm du doch bitte nach vorne und bringe die Ergebnisse sauber an die Tafel." Fein säuberlich fasst sie Buchseite und Aufgabe, sowie die geforderten Inhalte in einer Tabelle zusammen. "Wer das nicht hat, schreibt das bitte sauber ab. Jetzt." So holt man auch wirklich alle ab. Die Basis stimmt. Aufgabe Eins haben alle nach kurzer Zeit richtig im Heft. "Gleich ertönt meine Klangschale. Ab dem Signal habt ihr 20 Minuten Zeit die Aufgaben Zwei bis Vier alleine zu bearbeiten." Nach einem kurzen Raunen ertönt der Gong und alle arbeiten. Fast alle.

Anton meldet sich. "Du, Herr Klafki, wie geht Aufgabe Zwei? Ich weiß nicht was man da machen soll!" "Lernen ist ein eigenaktiver Prozess, lieber Anton*. Es nützt dir gar nichts, wenn ich dir die Aufgabe förmlich vorkaue. Ich weiß, dass du das kannst. Zeig es mir!" Anton geht kurz in sich und überlegt. "Hm, geht die Aufgabe vielleicht so ähnlich wie die Erste?" "Disco, Anton, das hast du wunderbar selbst erkannt. Jetzt ist die Lösung der Aufgaben ein Kinderspiel für dich." Anton lächelt. Und tatsächlich. Er löst sämtliche Aufgaben in der Folge fehlerfrei. Das wird belohnt, da gebe ich alles - Hausaufgabenheft raus - ein Stern für´s eigenaktive Lernen.

Kinder, die schnell fertig sind, übernehmen Lernpatenschaften und helfen denjenigen, die länger und vor allen Dingen Hilfe brauchen. Das stärkt die Sozialkompetenz. Ganz nebenbei. Differenzierung nennen die Didaktiker wohl das Gesamtkonstrukt. Ich sage viel lieber: "Lernen ist ein eigenaktiver Vorgang."

*Namen geändert  

Mittwoch, 15. März 2017

Das Schnipseldiktat.

In meiner Klasse steht bald das nächste Diktat an. Igitt. Diktate. Das mögen viele Kinder nicht. Und man kann es ihnen auch schwerlich verübeln. Um das Lernen für das Diktat möglichst spannend und abwechslungsreich zu gestalten, habe ich den Kids zunächst einen kleinen Text von acht Sätzen mit unseren Lernwörtern zum Abschreiben gegeben. Das kann jeder. Nach bestem Wissen und Gewissen. Schnell ist Level zwei erreicht: "Was können wir jetzt machen, Herr Klafki?" Ich liebe das. "Passt auf, jetzt nehmt ihr euch ein weißes Blatt Papier und schneidet es in acht etwa gleich große Schnipsel." Erstaunte Kinderaugen wohin man blickt. "Du hast doch gesagt, dass wir heute ganz viel für das Diktat üben!" Das stimmt. Wenn die wüssten. "Abwarten, lieber Manni*, eins nach dem anderen. Bei Super Mario Maker kommt der Endgegner ja auch nicht schon nach dem ersten Level, oder?" "Nee! Erst viel später!" "Siehst du, Manni, Level eins hast du geschafft. Jetzt kommt Level zwei. Das Schneiden." Ruhe im Schiff. Alle schneiden ruhig und konzentriert. "Level drei ist leicht. Nummeriert die Schnipsel von 1 bis 8." Zack, fertig. "Und jetzt?" "Jetzt schreibt ihr jeden einzelnen Satz von vorhin auf je einen Schnipsel." Auch das funktioniert bestens, weil die Kids so kleinschrittig arbeiten und schnell sichtbare Erfolge erzielen. Jeder will die Schnipsel vollschreiben. Und jeder will Erster sein. "Alle fertig?" "Jaaaaaaaa!" "Super, und jetzt kommt quasi Bowser, Manni. Der Endgegner. Ohren gespitzt und zugehört. Öffnet nun eure Schreibhefte. Legt euch einen Stift parat. Und jetzt konzentriert euch ganz auf eure Schnipsel. Prägt sie euch ein! Wenn ihr meint, dass ihr den Inhalt eines Schnipsels auswendig könnt, dann dreht den Schnipsel um und schreibt den Inhalt sauber in euer Heft! Das macht ihr mit allen acht Schnipseln. Und zwar: jetzt." Die Köpfe rauchen. Unbewusst festigen sie so auch schwere Wörter wie Frühling, Sommeranfang, Jahreszeiten und andere. Und alle ziehen mit. Als sie Bowser bezwungen und alle Sätze auswendig ins Heft geschrieben haben, dürfen sie nun ihre Ergebnisse selbst korrigieren. Mit meinem grünen Korrekturstift. Ausnahmsweise. Und zur Belohnung geht es anschließend noch eine halbe Stunde an die frische Luft. Für das Diktat haben heute schließlich alle genug gelernt.

*Name geändert